"Grüß mir den Mond": Ulrich Tukur & die Rhythmus Boys in der Stadthalle Heidelberg
Von Carmen Oesterreich
Heidelberg. Mit Laternen kommen Ulrich Tukur & die Rhythmus Boys auf die dunkle Bühne in der Heidelberger Stadthalle. Während Tukur deucht, wie "sie in Gedanken schwanken", weiß das Publikum zum Glück, dass um den Mond Legenden ranken. Ulrich Tukur, dessen Verhältnis zwischen Musik und Schauspiel dem zwischen Mond und Erde sehr ähnlich ist, mutet dem Zuhörer traumhafte Vorträge zu, die manchmal erst nach einer Denkpause Sinn ergeben (könnten). Er rezitiert Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz, Mascha Kaléko oder Joseph von Eichendorff und verblüfft die verdutzten Zuhörer mit jeder Menge Lügengeschichten.
Ein bisschen verrückt und wirr träumt sich der Theater- und Filmstar in die 20er, 30er, 40er Jahre, wo er Cole Porter 1928 in New York und vier Jahre später in Bielefeld begegnet und natürlich Impulse für "Day and Night" gibt. Seine drei Rhythmus Boys soufflieren bei diesen Märchen gerne mal oder bremsen ihn bei allzu verfahrener Redseligkeit. Sie verpassen dem Abend einen Pfiff, den man zu Beginn kaum ahnen mag. Stoisch stehen sie zunächst an ihren Instrumenten und begleiten den Künstler am Piano. Ulrich Tukur kann so schön schnarren, wie Ilse Werner, Hans Albers und Co. einst auf den Schellackplatten klangen. Im Kontrast zu seinen Boys wirkt er geradezu hyperaktiv, wenn er nach der "Moonlight Serenade", "Moonglow", "Harlem Nocturne" und jedem weiteren Lied am Piano aufspringt, zum Mikrofon eilt und die nächste Nummer durchzieht.
Bis zur Pause geht’s richtig ab. Da wird super geswingt, die Band ist bestens aufeinander eingestimmt, (musikalische) Verhaspler wirken beabsichtigt. Es ist witzig, wenn der 2,08 große Günter Märtens, der sein Kontrabass spielt, als würde er mit ihm tanzen, den winzigen Schlagzeuger Kalle Mewes zum Tanz auffordert und ihn durch seine Beine wirbelt, auf den Arm nimmt und am Schlagzeug wieder absetzt. Blicke, kleine Gesten, wenige Details (wozu auch die seltsam gegelte Tolle von Gitarrist Ulrich Mayer zählt) wirken Wunder. Da passt alles, auch Ulrich Mayers Gedankengrütze über die etymologische Geschlechtigkeit, die er mit "El Soleil" (die Sonne) und "La Luna" (der Mond) ad absurdum führt. Super Swing, Jazz, Beguine, Rumba. Klasse gespielt und gesungen. Gänsehautfeeling nicht erst, als ein Gespenst die Pause ansagt.
Nach der Pause hat die Band nicht nur einen Kleiderwechsel vom Anzug mit roter Krawatte zum Schlafanzug mit roten Puschen vollzogen, sondern der bisher sehr amüsante Abend der seriösen Unterhaltungsmusik von anno dazumal mutiert zum pubertären, ja gar kindlichen Toben vor dem Schlafengehen. Günter Märtens hopst - gekonnt - als Mick Jagger über die Bühne und singt "Let’s Spend The Night Togehter" aus dem Jahr 1967, als die Rolling Stones alle noch Pausbäckchen hatten. Fred Astaires "Puttin on the Ritz" muss für einen Witz für kleine Jungs herhalten. Bei der Puppenhochzeit marschieren die Rhythmus Boys auf wie die Nussknacker. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber durchaus nett. Auch Songs und Swing sind weiterhin hervorragend.
Doch wenn zu "Begin the Beguine" von Cole Porter und "Caravan" aus dem Jahr 1937 eine Karawane mit zwei Kamelen namens Tukur und Mayer, dem sexy hüftschwingenden Scheich Märtens und dessen deutscher Frau Heike alias dem total vermummten Kalle Mews über die Bühne ziehen, ist das so albern und lahm, dass man Ulrich Tukur & die Rhythmus Boys zum Mond schießen möchte. Ein schlechter Traum zwischendurch, denn alles in allem merkt man allen vier Interpreten den Esprit, die Kunst und die musikalische Begeisterung vom Mondaufgang bis zum Monduntergang an.
