Walldorf: Hier sollen "Unkräuter" blühen
Walldorf. (seb) Noch sieht das Kiesbett eher nach einer weiteren Stellfläche aus, wenn auch an einer schwer zugänglichen Stelle. Doch in den nächsten Wochen soll hier, am Parkplatz des Walldorfer Schulzentrums, ein bunter Blütenteppich entstehen, auf dem die verschiedensten als "Unkräuter" verschrienen Pflanzen vorkommen und Insekten wie Bienen und Schmetterlinge Nahrung finden.
Mit diesem und fünf weiteren "Trittsteinen" auf Kreiseln, Brachflächen oder Parkplätzen, kleinen Refugien für bei uns selten gewordene Arten, will die Stadt Walldorf sich gegen das Insektensterben einsetzen, das nach jüngsten Studien besorgniserregende Ausmaße angenommen hat.
Wie beim Pressegespräch am Montag deutlich wurde, setzt man auf eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Naturschutzbund und Landesumweltministerium. Seit 2013 verfolgt Baden-Württemberg eine Naturschutzstrategie, die unter anderem die biologische Vielfalt innerhalb der Kommunen voranbringen soll.
Walldorf hat sich zum bereits zweiten Mal fürs Projekt "Natur nah dran" beworben, so Stadtbaumeister Andreas Tisch, daher hat man auch schon im letzten Jahr mit ersten Weichenstellungen begonnen. Dabei geht es freilich nicht vordringlich um die finanzielle Förderung von maximal 15.000 Euro, sondern um die passende Planung, Beratung und die Schulung der städtischen Mitarbeiter durch Fachleute.
"Wir wollen verschiedene innerstädtische Lebensräume schaffen", erläuterte Bürgermeisterin Christiane Staab. Dabei gehe es nicht um kultivierte, hübsch hergerichtete Beete, sondern um Wildpflanzen, Kräuterrasen, Stauden oder heimische Kleingehölze - um einen Artenreichtum, der eine Vielfalt weiterer Arten anlocken soll.
"Das ist eine neue Form der Daseinsvorsorge", stellte die Bürgermeisterin klar, "wir kümmern uns nicht nur um Menschen und Firmen." Die sechs jetzt avisierten Flächen sehe sie als "wichtiges Signal": Für sich genommen genügten kleine Blühteppiche natürlich bei Weitem nicht, um Insektenpopulationen aufzubauen.
Daher sieht Christiane Staab dieses Projekt als Inspiration, "als Inititialzündung" für alle Bürger, die selbst Gärten besitzen und bereit sind, sie mit mehr Leben zu füllen.
"Dieses Kiesbett ist also eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was wir wollen", betonte Staab, dass weder Schotterflächen oder Steinplatten noch sorgfältig gestutzte Golfrasen zielführend seien. Sie ergänzte, dass die Stadt unabhängig von "Natur nah dran" auch ein Förderprogramm zur Dachbegrünung anbiete.
In der Walldorfer Innenstadt verfüge man leider nicht über "große Grünzüge", erklärte Andreas Tisch zusammen mit Léon Schmiedel (zuständig für Landschafts- und Grünanlagenpflege im Rathaus).
Man habe "zum Teil sehr kleine Flächen" ausgesucht: Vier "Staudenellipsen" (410 Quadratmeter) entstehen hier am Schulzentrum, Wildgehölze werden auf dem Kreisverkehr von Umgehungsstraße Bundesstraße B291 und Rennbahnstraße (335 Quadratmeter) gepflanzt, am Mittleren Mainzer Weg wird ein Grünstreifen (205 Quadratmeter) angelegt, wärmeliebende Wildsträucher sollen an einem Parkplatz in der Schwetzinger Straße (170 Quadratmeter) gesetzt werden, Wildgehölze und -stauden sollen auch im Amselweg (115 Quadratmeter) wachsen, ebenso wie am Parkplatz in der Karlstraße (88 Quadratmeter).
Von Malve und Schlüsselblume über Pechnelke, Klappertopf und Storchschnabel bis hin zu Weißdorn oder sogar Speierling reichen die ausgesuchten Arten. Damit erhofft man sich laut Schmiedel "mehr Grillenzirpen und Vogelgesang in der Stadt".
Andreas Tisch fügte an, dass man die Fachleute für die Auswahl des Saatguts und die richtige Mahd benötige. Stellenweise müsse man den Oberboden tauschen, eine artenreiche Wiese dürfe "nicht zu fett" sein. Kies oder Schotter wirken ihm zufolge zwar eher wüst, Wasser kann hier aber zügig versickern und Wurzeln haben Raum, um sich auszubreiten.
Nur muss darüber eben eine nicht zu nährstoffreiche Schicht beispielsweise mit Gehölz- und Rasenkompost aufgebracht werden, damit sich eine möglichst breite Vielfalt ansiedeln kann.
