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Май
2019

Literatur | Schönen Tag, Schmerzensfrau

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Bei Leïla Slimani ist es meist nur ein kurzer Weg vom köstlichen Rausch ins Verderben

Lieblich duftende Rosen und akkurat getrimmte Buchsbaumkugeln sucht das Auge in diesem wild wuchernden Garten vergebens. Und auch kein Veilchen verströmt seinen betörenden Duft. In Leïla Slimanis Lustgarten herrscht ein alles verschlingender Unhold, der seine Opfer von innen heraus verzehrt. Das Fatale ist, dass dieses polymorphe Monster sich gern als Begierde geriert, sich Sinneslust anverwandelt und sein wahres Wesen erst offenbart, wenn es zu spät ist. Der „jardin secret“, zu Deutsch der „geheime Garten“, in Frankreich Symbol für die eigene, von süßen Geheimnissen belebte Welt, mutiert zum bedrohlichen Reich der Sinne.

Adèle, eine in Paris lebende Journalistin, entflieht ihrer faden Ehe mit Mann und Kind durch zahllose sexuelle Begegnungen. Fiebernd zieht sie durch die Straßen, giert nach dem nächsten schnellen Kick; wohl wissend, dass der Glückszustand wie bei allen Spielern, bei allen Getriebenen nur einen kurzen Moment andauert. Sie riskiert dabei nicht nur Job und Familie, sondern auch Gesundheit und Leben.

All das zu verlieren heißt deshalb der deutsche Titel. Diese spröde Bilanzierung lässt im Vergleich zum französischen Dans le jardin de l’ogre („Im Garten des Ungeheuers“) Poesie missen. Denn der erst jetzt auf Deutsch erscheinende Debütroman der französisch-marokkanischen Schriftstellerin (Dann schlaf auch du) ist ein bildgewaltiger Trip, auf dem Kosten-Nutzen-Abwägungen von unersättlicher Begierde übertrumpft werden.

Gemäß alter literarischer Tradition ist weibliches Verlangen auch hier mit Pein verbunden und muss unerfüllt bleiben. Genuss besteht mehr in der Verführung und im Begehrtwerden als im sexuellen Akt selbst: „Seinen Penis im Rachen, kämpfte sie gegen den Brechreiz an und gegen den Drang zuzubeißen.“ Slimanis Adèle ist eine etwas aggressive Sister in Pain von Joseph Kessels lustgequälter Sévérine aus Belle de Jour und Gustav Flauberts gelangweilter Emma Bovary. Sie sehnt sich nach Müßiggang und Dekadenz, nach Geld, das nicht nach Arbeit riecht: „Sie wäre so gern die Ehefrau eines reichen Mannes, der nie da ist.“ Doch in erster Linie will Adèle „nur ein Objekt inmitten einer Meute sein“.

Wie aus Wunsch Wirklichkeit wird, liest sich wie eine Neuauflage von Belle de Jour, mit dem Unterschied, dass Adèle über eigenes Einkommen verfügt und nicht heimlich im Bordell arbeiten muss. Und auch Adèle erfährt durch eine kleine „Ganovenvisage“ mit Raubtiergebiss, wie nah Lust und Schmerz beieinanderliegen.

Pathologisiert wird hier nicht

Vom köstlichen Rausch ins Verderben ist es oftmals nur ein kurzer Weg. Adèles Ausbruch aus dem goldenen Käfig wird doppelt bestraft mit Schmerz und Entzug: „Ihre Vagina ist nichts als ein Stück zerbrochenes Glas ... eine feine Eisschicht, unter der gefrorene Leichen treiben.“ Zudem sitzt der Mann mit zerschmettertem Bein zu Hause und beschert Adèle ein weiteres französisches Schicksal: Wie François Mauriacs Thérèse Desqueyroux muss Adèle die Verbannung auf einen Landsitz in der Provinz erdulden, sich mit Saubohnen und streng limitiertem Tabakgenuss bescheiden. Dass die Hölle immer die anderen sind, ist eine alte existenzialistische Einsicht. Auch bei zweien geht’s nicht selten teuflisch zu, zumal wenn der Gatte an eines dieser Insekten gemahnt, „die beim Koitus sterben“.

Doch wehe, das Biest im Weibe entfleucht! Dann ist kein Halten mehr und tausend Höllen lodern! Leïla Slimani ist es hoch anzurechnen, dass sie ihre Femina dolorosa nicht pathologisiert. In einem amerikanischen Exorzisten-Roman wäre von „Sex Addiction“ die Rede. Mit eiserner Lusthygiene, Prozac und Yoga-Sessions würde man versuchen, Adèle zu retten und in die Herde der fügsamen Hausfrauen einzugliedern. Perversion ist heilbar, das hat seit Fifty Shades of Grey auch der Letzte begriffen.

Adèle aber lässt sich mit üblichen gesellschaftlichen Disziplinarmaßnahmen nicht bändigen. In ihr lauert eine Libido, die sich mit Augenhöhe, Respekt und Achtsamkeit nur schwer verträgt. Alles aber, was nicht klassifiziert werden kann, stellt eine Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung dar. Deshalb muss dieses Biest mit allen Mitteln gezähmt werden. Es könnte schließlich eines Tages die Klauen ausstrecken und „dieses magische Gefühl“ verspüren, „die bourgeoise Perversion und das menschliche Elend so mit der Hand greifen zu können“.

Info

All das zu verlieren Leïla Slimani Amelie Thoma (Übers.), Luchterhand 2019, 224 S., 22 €

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