Gestrandet im gesperrten Paradies: Schönbrunnerin sitzt seit März in Costa Rica fest
Von Martina Birkelbach
Haag/Speyer/Costa Rica. Was eigentlich ein Traum gewesen wäre, entwickelt sich allmählich zum Albtraum: Vier Wochen sollte sie dauern, die Reise ins Paradies Costa Rica, zwischen Pazifischem Meer und der Karibik. Verwandte besuchen und Urlaub stand auf dem Plan. Doch nun sind die beiden Schwestern Ute Riffler-Kleis (61) aus Schönbrunn-Haag und Gabriele Dilger (71) aus Speyer gestrandet. Seit dem 14. März, an dem es noch keine globale Reisewarnung gab, dauert nun schon ihr dreimonatiger "Urlaub" in dem Staat Zentralamerikas, der im Norden an Nicaragua und im Süden an Panama grenzt. Nicht nur der ursprünglich gebuchte Rückflug am 11. April wurde wegen der Corona-Pandemie gecancelt, es folgten viele weitere Mails und Telefonate mit der Deutschen Botschaft und der Airline, und immer wieder gab es Stornierungen der Flüge.
"Wir wollen nach Hause", teilen die beiden über Videochat an einem frühen Morgen dieser Woche (acht Stunden früher als in Deutschland) mit. Ob es nun endgültig am 11. Juni mit einem Rescue -Flug der Briten über London Heathrow nach Hause geht ("die waren sehr viel freundlicher als unsere Botschafter hier") oder ob sie dann doch mit der Lufthansa erst am 1. Juli von San José nach Frankfurt fliegen – bis gestern wussten sie es noch nicht. Die "Bewerbung" bei den Briten läuft. Erst Mitte dieser Woche wurde zum wiederholten Mal ein Flug (für den 17. Juni) abgesagt, der sogar gegenüber der RNZ einen Tag vorher von der Lufthansa-Pressestelle bestätigt wurde.
Laut Infos der Deutschen Botschaft auf der Homepage endete die Rückholaktion für Costa Rica mit dem neunten und letzten Flug am 6. April, fast 3000 Deutsche seien damit sicher nach Hause gekommen. Weitere Rückholflüge sind von der Bundesregierung nicht geplant. United Airlines bietet bereits seit Mai Flüge ab San José nach Houston an, von dort gibt es Verbindungen nach Europa. Doch das kommt für Riffler-Kleis und Dilger nicht in Frage. "Das dauert 35 bis 38 Stunden. Das können wir nicht machen, da wir wegen unseres Alters zur Risikogruppe gehören und das auch konditionsmäßig nicht durchhalten würden." Zudem würde die Esta (Einreisegenehmigung für die USA) nicht immer anerkannt – "Es ist für uns eine Horror-Vorstellung dort irgendwo zu stranden".
"Gestrandet" sind sie nun auf der Halbinsel Nicoya, in der Nähe der Stadt Jicaral am Pazifik. Zumindest die Unterkunft ist geklärt, sie wohnen bei den Verwandten. Allerdings ist das sonst so paradiesische Leben auch dort derzeit nur beschränkt zu genießen, wenn es laut Aussage der beiden Schwestern auch "nur wenige Corona-Fälle" gibt. Das Johns Hopkins Coronavirus Resource Center meldet (Stand Freitag, 5. Juni) 1194 bestätigte Fälle und zehn Tote in Costa Rica (Einwohnerzahl rund 5 Millionen). Abstand ist angesagt, eingekauft werden darf nur in bestimmten Mengen, es gibt Fahrverbote und noch längst hat nicht alles wieder geöffnet. Der Strand, der sich in unmittelbarer Nähe zur Unterkunft der Schwestern befindet, ist zwar inzwischen wieder zugänglich, aber nur von 5 bis 8 Uhr morgens. "Da ich da noch in einen Stachelrochen getreten bin, habe ich da auch keine Lust mehr drauf", sagt Dilger.
"Wir gehen tagsüber mit den Verwandten einkaufen und auch in die Stadt, aber es ist längst kein Urlaub mehr – wir sitzen auf einem Stängelchen und warten", so Riffler-Kleis. Zudem ist inzwischen Regenzeit: "30 Grad, sehr schwül, nicht sehr angenehm – und es gibt viele Mücken". Und wenn ein richtiges Gewitter kommt, sind sie oft noch von der Außenwelt abgeschottet, denn dann funktioniert auch das Internet nicht mehr. Dennoch versuchen die Schwestern, die Tage so angenehm wie möglich zu gestalten: "Wir essen viel Obst, Salat und Spaghetti – hin und wieder ein Hühnchen. Ab und zu gehen wir in San Francisco de Coyote essen. Die Gaststätten haben auch nur eingeschränkt geöffnet. Aber das Essen im Rios ist vorzüglich und preiswert. Am liebsten essen wir dort Pizza".
Riffler-Kleis freut sich auf ihren Mann Rainer, ihre Tochter und eine "ungarische Salami". Ihre zweite Tochter Kira ist in Berlin und macht gerade die Prüfung zur Verwaltungsfachangestellten, "was wegen des Lockdown auch nicht einfach war und ist". Riffler-Kleis bedauert, dass sie Kira wohl erst "viel später" wiedersehen wird. Dilger freut sich auf "ihre Wohnung und vor allem auf die Haustiere (Vogel Rosi und Hund Kaya, die sie derzeit untergebracht hat) sowie auf Spaziergänge am Rhein" – und die Salami hätte sie auch gerne.
Riffler-Kleis musste unbezahlten Urlaub nehmen. Sie arbeitet am Uniklinikum Heidelberg in der Infektiologie. "Aber das interessiert offensichtlich auch niemanden." Für sie bedeutet der ungewollt verlängerte Urlaub nun nicht nur einen Einkommensverlust, sondern auch ihre Krankenversicherung ist "in Gefahr". Die beiden Schwestern haben sich auch einer öffentlichen Facebook-Gruppe (Union of all stranded Europeans in Central America Group – UASECA Group, über 250 Mitglieder) angeschlossen, die versucht einen Rückflug für in Costa-Rica verbliebene Europäer zu organisieren. Auch da geben sie die Hoffnung nicht auf.
"Die Deutsche Botschaft ist offensichtlich nicht in der Lage oder willens zu helfen. Nur Standardsprüche", schimpfen die Schwestern.
Von der Deutschen Botschaft in San José/Costa Rica gab es auf unsere Anfrage vom Mittwoch bis gestern keinerlei Reaktion. Auf der Internetseite ist zu erfahren: "Die Ausreise bleibt gestattet. Mit Ausreiseproblemen ist aufgrund fehlender Flugkapazitäten dennoch zu rechnen. Bitte wenden Sie sich für Fragen zu aktuellen Flugverbindungen direkt an die jeweilige Fluggesellschaft". Gesagt, getan: Wie die Pressestelle der Lufthansa auf unsere Nachfrage noch am Dienstag telefonisch mitteilte, war es geplant, den eigentlich für 17. Juni bestätigten Flug durchzuführen." Es könne aber immer kurzfristig noch zu Stornierungen kommen. Diese Stornierung gab es dann gleich tags darauf, am Mittwoch.
Jetzt hilft wohl nur noch eins: Daumen drücken für einen Heimflug – irgendeinen.
