Großbrief in die USA: Die Ehrlichkeit der Postkundin zahlte sich nicht aus
Region Heidelberg. (cm) Margit H. ist kein Einzelfall. Die Eppelheimerin wollte Anfang Dezember wie jedes Jahr einen Kalender mit schönen Motiven aus Deutschland an Freunde in den USA verschicken. Doch dieser wäre teuer gekommen. In der Eppelheimer Postfiliale sollte sie 60 Euro für den Versand zahlen. Nur übers Internet geht’s billiger, wurde der 84-Jährigen gesagt. Die Post begründete dies damit, dass in den Filialen nur noch die teureren Premium-Pakete aufgegeben werden können, die per Flugzeug befördert werden. Für den langsameren, aber günstigeren Seeweg sei die Buchung übers Internet notwendig, da die Kapazitäten wegen des zurückgegangenen Flugverkehrs in Corona-Zeiten knapp seien und so besser gesteuert werden könnten.
Nach dem Bericht meldeten sich mehrere Leser bei der RNZ, denen es ähnlich erging. So zum Beispiel Barbara Eggebrecht. "Ich kann den Kummer der Dame nur unterstützen", schrieb die Heidelbergerin, die bereits Mitte November ein Paket für 55 Euro in die USA verschickte. Das Paket – so zeige es die Nachverfolgung im Internet – sei Ende November in Chicago angekommen und seitdem "in Transit". Ein anderes, Anfang Dezember aufgegebenes Paket sei Anfang Januar in New York gesichtet worden und nun auch in Zustellung.
Ebenfalls bisher nicht angekommen sind drei Pakete eines Neckargemünders. Der 87-Jährige hatte bereits Ende November oder Anfang Dezember – wie Margit H. – Kalender in die USA geschickt und diese ebenso in der Postfiliale aufgegeben. Er zahlte allerdings nur 3,70 Euro für jeden "Großbrief international". Ihm wurde nicht gesagt, dass der Versand nur als Paket möglich sei.
Wie kann das sein? Jörg Gerspach bringt Licht ins Dunkle. Als Versender der Zeitung "Mährischer Grenzbote" hat der Schönbrunner große Erfahrung. Er erklärt, dass das Porto von 60 Euro für das Luftpost-Paket korrekt sei. Günstiger wäre ein Großbrief. Doch dieser dürfe nur Dokumente enthalten. Ein Kalender stelle eine Warensendung dar. Hätte Margit H. den Großbrief mit 3,70 Euro frankiert und in einen Briefkasten geworfen, dann wäre ihr das hohe Porto erspart geblieben, meint Gerspach. Denn: "Die Post prüft den Inhalt nicht", weiß er.
Dies bestätigt Postsprecher Marc Mombauer und verweist auf das Postgeheimnis. "Uns hat nicht zu interessieren, was in einem Brief oder einem Paket ist", betont er. "Wir dürfen nicht fragen." Margit H. erzählt auch, dass sie in den vergangenen Jahren nie nach dem Inhalt gefragt worden sei. In diesem Jahr aber schon. "Ehrlich wie ich bin, habe ich geantwortet, dass keine Briefe drin sind, sondern ein Kalender", erzählt sie. "Sonst hätte ich ja geschwindelt." Dass über das Internet der Versand als Paket für knapp neun Euro auf dem Seeweg möglich sei, war für sie keine Alternative.
Wirft sie künftig also den Umschlag mit dem Kalender einfach in einen Briefkasten? "Nein, ich schicke gar keinen mehr", sagt die 84-Jährige resigniert.
Update: Mittwoch, 13. Januar 2021, 19.45 Uhr
Eppelheimerin sollte in der Postfiliale 60 Euro zahlen
Der Kalender für die Freunde in Amerika wäre teuer gekommen. Nur übers Internet geht’s billiger.
Von Christoph Moll
Eppelheim. Seit vielen Jahren schickt Margit H. aus Eppelheim ihren Freunden in den USA immer zum Jahreswechsel einen Kalender mit schönen Motiven aus Deutschland. Und die Freunde schicken ihr einen Kalender mit Motiven aus den Vereinigten Staaten. "Da hat jeder Freude dran", sagt die 84-Jährige. Doch diesmal gab es mehr Frust als Freude. Denn das Verschicken des Kalenders in die USA sollte 60 Euro kosten, weshalb die Seniorin den Kalender lieber behielt.
Die Geschichte begann damit, dass Margit H. den Kalender Anfang Dezember bei der Postfiliale in Eppelheim – wie jedes Jahr – als Großbrief aufgeben wollte. "Die Postangestellte prüfte Gewicht und Format", erzählt sie. Alles sei okay gewesen. Als die Angestellte dann auf der Adresse das Zielland USA sah, habe sie gesagt, dass der Versand nur als Paket für 60 Euro möglich sei. "Ich war total verdattert", erzählt die Seniorin. "Der Inhalt hatte ja nur knapp 20 Euro gekostet." Um die lange Warteschlange hinter ihr nicht aufzuhalten, sei sie nach Hause gegangen. "Ein Bekannter fand dann heraus, dass man für 8,89 Euro ein Päckchen dieses Formats und Gewicht weltweit verschicken kann, wenn man die Marke online kauft", berichtet die Frau. "Dazu gab es den Hinweis, dass Filialpreise vom Onlinepreis abweichen könnten."
Die Seniorin verstand dies so, dass sie die Online-Marke auch in der Postfiliale in Eppelheim kaufen könne. Also machte sie sich erneut auf den Weg. Bei der Post habe sie die Antwort bekommen, dass sie sich die Marke selbst besorgen oder eben 60 Euro zahlen müsse. "Ich bin über 84 Jahre alt und froh, dass ich noch zur Post laufen kann", meint die Seniorin und fragt verwundert: "Sind in Deutschland alle Älteren online? Oder haben alle jemanden, der das für sie erledigt? Oder zahlen alle einfach diesen Preis, der in keinem Verhältnis zum Inhalt steht?"
Die RNZ hat bei der Post nachgefragt. Die preisliche Differenz erkläre sich mit der Corona-bedingten Tatsache, dass das per Internet aufgegebene Päckchen auf dem Seeweg transportiert wird und das in der Filiale aufgegebene Premium-Paket per Luftfracht.
"Aufgrund der Corona-bedingt nach wie vor sehr stark eingeschränkten Transportkapazitäten und langen Laufzeiten bieten wir Päckchen sowie Pakete ohne den Service Premium für den Versand in die USA derzeit nur online an", erklärt Postsprecher Marc Mombauer. "So stellen wir sicher, dass die Transportkapazitäten ausreichen und unsere Kunden die mit dem Seetransport verbundenen langen Laufzeiten bereits während des Kaufprozesses explizit und nachweisbar wahrnehmen." Die Onlinefrankierung sei "für jedermann und jederzeit zugänglich".
Für Margit H. ist das keine zufriedenstellende Auskunft. "Nicht jeder Ältere ist im Internet unterwegs", gibt sie zu bedenken. "Es ärgert mich, dass auf diese keine Rücksicht genommen wird." Sie selbst habe zwar einen Computer, aber könne damit nicht alles erledigen. Viele Senioren würden wohl aufgegeben oder eben in den sauren Apfel beißen und die 60 Euro zahlen.
Margit H. gehört zu jenen, die aufgegeben haben. Den Kalender hat sie erst jetzt wieder ausgepackt. "Ich hatte noch auf ein kleines Wunder gehofft", sagt sie. Da dieses aber ausblieb, wird sie den Kalender wohl bei sich selbst aufhängen. "Es ist klar, dass das Versenden etwas kostet", meint sie: "Aber ich sehe nicht ein, dafür 60 Euro zu zahlen." Das habe sie auch ihren amerikanischen Freunden erzählt und sich entschuldigt. Der Kalender aus den USA sei schon angekommen: "Das war mir peinlich." Nächstes Jahr wird sie wohl keinen Kalender mehr verschicken.
Etwas tröstet die 84-Jährige jedoch: Dass der Kalender auf dem günstigeren und ihr verwehrt gebliebenen Seeweg wohl ohnehin wochenlang unterwegs gewesen wäre. "Der wäre dann wohl erst an Ostern angekommen."
