Gender-Aktivismus: "Es ist entmenschlichend, männlich oder weiblich ankreuzen zu müssen"
Männlich oder weiblich, diese beiden Optionen gibt es bislang im Pass in Großbritannien. Christie Elan-Cane kann sich diesen Kategorien nicht zuordnen und kämpft für ein "X" im Pass. Seit bald drei Jahrzehnten.
Das alte Jahr endete für Christie Elan-Cane mit einer Niederlage. Der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs hatte Elan-Canes Beschwerde Mitte Dezember abgewiesen. "X" bleibt keine Option. Elan-Cane fordert ein neutrales Geschlecht im Pass, hatte im März 2020 allerdings ein entsprechendes Verfahren gegen die britische Regierung verloren. Andere Länder bieten diese Möglichkeit bereits an. In Deutschland gibt es seit 2018 den Personenstand "divers". In mindestens zwölf Ländern kann nach Angaben der Organisation Employers Network for Equality and Inclusion "divers" oder "X" im Pass eingetragen werden, darunter Dänemark, Argentinien, Kanada, die USA, Indien und Pakistan.
Trotz der jüngsten Niederlage wird per nicht aufgeben – per ist das Pronomen, das Christie Elan-Cane statt sie oder er verwendet. Es leitet sich vom englischen "person" ab. Stern hat mit Elan-Cane über den jahrzehntelangen Kampf um Anerkennung gesprochen, der zu Beginn ein einsamer war.
Christie Elan-Cane, was ist Ihre Hoffnung für dieses neue Jahr?
Die volle rechtliche Anerkennung von Menschen, die sich nicht den Kategorien männlich oder weiblich zuordnen lassen.
Im Dezember wies der Oberste Gerichtshof Ihre Beschwerde ab. Was löste das in Ihnen aus?
Ich war ehrlich gesagt erschüttert von diesem Urteil. Ich war wütend. Es zeugt von einem Mangel an Verständnis für diesen Fall. Eine ganze Reihe von Ländern zeigt, dass es möglich ist, ein „X“ im Pass einzuführen.
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Sie haben angekündigt, den Fall an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg weiterzuziehen. Wie schätzen Sie Ihre Chancen dort ein?
Mein Team und ich sind zuversichtlich. Aber wir wissen es schlichtweg nicht. Bislang sind solche Fälle auf nationaler Ebene gelöst worden. Es wäre der erste Fall dieser Art in Straßburg.
Welche Bedeutung hat ein „X“ im Pass für Sie?
Es ist eine krasse Missinterpretation, wenn ich männlich oder weiblich in Dokumenten angeben muss. Der Pass bestimmt meine Identität. Es ist entmenschlichend, männlich oder weiblich ankreuzen zu müssen.
Sie kamen als Mädchen zur Welt. Wann wussten Sie, dass Sie im falschen Körper stecken?
Als Jugendliche. Bis zu meiner Transition hat es aber gedauert. Das war ein langer Prozess für mich.
Mit Anfang 30 haben Sie sich die Brüste und die Gebärmutter entfernen lassen.
Ich war 31 Jahre alt bei meiner ersten Operation, einer Mastektomie, und 33 bei der zweiten, einer Hysterektomie. Einige werden diesen radikalen Schritt heute nicht mehr verstehen. Es schien damals aber keine Alternative zu geben. Es waren andere Zeiten.
Hat es in diesem Prozess auch eine Phase gegeben, in der Sie dachten, Sie würden fortan als Mann leben wollen?
Nein, nie. Ich wusste, ich stecke im falschen Körper. Aber ich wusste auch, dass ich kein Mann sein wollte.
Wie hat Ihr Umfeld damals auf Ihren Schritt reagiert?
Verständnisvoll. Wer es nicht getan hat, mit dem wollte ich ohnehin nichts mehr zu tun haben. Das gilt bis heute. Ich merke es auch bereits in der Anrede. Ich verwende per als Pronomen. Manche fragen mich danach, wie ich angesprochen werde möchte, andere weise ich im Gespräch darauf hin. Wer hier verständnislos reagiert, der wird mich auch nie wirklich respektieren.
Sie haben Anfang der 1990er in einem Interview mit der BBC öffentlich über Ihre Transition gesprochen. Wie war diese Erfahrung rückblickend für Sie?
Im Nachhinein war das naiv. Ein Produzent der BBC wollte mit einer Person sprechen, die androgyn lebt. Ich verbrachte damals viel Zeit mit einer Gruppe von Transmenschen, dadurch entstand der Kontakt. Ich dachte, nach dem Interview wissen alle über mich Bescheid und dass es eine gute Form des Coming Out wäre, gerade auch für die Arbeit. Doch das war es nicht. Ich habe meinen Job verloren. Ich habe damals im Marketing-Bereich gearbeitet. Es war nicht gewünscht, dass ich Kontakt mit Kunden habe. Ich habe danach viele, viele Bewerbungen geschrieben, doch nichts klappte. Mir blieb am Ende einzig der Aktivismus.
Sie haben Ihren Kampf vor bald drei Jahrzehnten begonnen – einer anderen Zeit. Wie allein haben Sie sich damals gefühlt?
Am Anfang sehr. Es gab keine sozialen Medien. Ich wusste irgendwann von gerade mal drei Personen weltweit, die sich wie ich als non-gendered definieren.
Woraus schöpfen Sie Kraft seit all den Jahren?
Ich habe einen Menschen an meiner Seite, der mich sehr unterstützt. Inzwischen erfahre ich auch von vielen anderen Unterstützung. Und mich treiben die Ungerechtigkeiten an, die immer noch existieren.
Erst hat sich die britische Regierung, dann der Oberste Gerichtshof gegen ein "X" im Pass ausgesprochen. Wie nehmen Sie die Stimmung im Land wahr: Wäre die Bevölkerung offen dafür?
Ja, ich denke schon. Ich erlebe viel Offenheit und Zuspruch. Leider gibt es auch zunehmend Antitrans-Bewegungen im Vereinigten Königreich und die britische Regierung scheint das zu unterstützen. Ich glaube, wenn die Regierung wechseln würde, würden sich auch meine Chancen erhöhen.
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In welchen Bereichen muss sich in Ihren Augen neben dem Pass noch etwas ändern?
In einigen. Bei Versicherungen zum Beispiel sollte es auch überall möglich sein, etwas anderes als männlich oder weiblich ankreuzen zu können. Oder bei Banken. Als meine Bank auf Online Banking umgestellt hat, konnte ich das zunächst nicht nutzen, weil ich auch hier männlich oder weiblich hätte ankreuzen müssen. Schließlich hat die Bank eine dritte Option eingeführt. Hier hat mein Einsatz etwas bewirkt. Wir brauchen zudem geschlechtsneutrale Toiletten. Es gibt auf jeden Fall noch viel zu tun.
