Suche nach dem Glück: "Masterclass of Happiness" in Finnland – wie ich beim Besuch des glücklichsten Volks der Welt meine innere Finnin gefunden habe
Dunkle, kalte, ewig lange Winter – und trotzdem sind die Finnen zum sechsten Mal in Folge zum glücklichsten Volk der Welt gekürt worden. Im Rahmen einer "Masterclass of Happiness" wollen sie das Geheimnis ihres Glücks teilen. Kann man Glück lernen? Ein Erfahrungsbericht.
Dass ich mich in den Wäldern der finnischen Seenplatte, dreieinhalb Stunden nördlich von Helsinki auf eine Suche nach dem Glück begeben durfte, war – das kann man nicht anders sagen – Glück. Nur knappe zwei Wochen vor dem Start der so genannten "Masterclass of Happiness" hat mich eine Kollegin gefragt, ob ich ihren Platz übernehmen und herausfinden möchte, was die Finnen zur glücklichsten Nation der Welt macht? Jobbeschreibung: "Find your inner finn."
Nachdem Finnland zum sechsten Mal in Folge zum glücklichsten Volk der Welt gekürt wurde, hat Visit Finland einen Crashkurs im Glücklichsein organisiert. Über 155.000 Menschen haben sich weltweit beworben, 14 Teilnehmer wurden ausgewählt, dazu Journalisten aus allen möglichen Ecken der Welt, die innerhalb weniger Tage lernen sollen, wie die Finnen zu ihrer positiven Lebenseinstellung kommen.
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Der Veranstaltungsort der Masterclass liegt an Finnlands größtem See, dem Lake Saimaa, in einem Erholungsresort, mitten im Wald. Und schon auf den dreieinhalb Stunden Fahrt vom Flughafen Helsinki bis zum Resort fällt beim Blick aus dem Busfenster auf: Bäume, Bäume und nochmal Bäume.
Als wir aus dem Bus steigen, schlägt einem die klare, kühle Luft wie eine zarte Ohrfeige ins Gesicht. Kein Wunder: Die Luftqualität in Finnland ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO die beste der Welt.
© Laura Csapó
Jeder Masterclass-Teilnehmer darf in eine eigene kleine Holzvilla ziehen, inklusive Privat-Sauna und einer Glasfront mit uneingeschränktem Blick in den dichten Pinienwald und auf den See. Wie könnte man hier nicht glücklich sein? Zugegeben, eine Reise nach Skandinavien in die unberührten Wälder Finnlands, in ein Resort, das edelste Einsamkeit bietet, ist gekauftes Glück und mit mehreren hundert Euro pro Nacht sicherlich kein günstiges Unterfangen. Aber was wir dort und in der Umgebung von den Finnen über ihr Glück erfahren werden, lässt sich durchaus in den eigenen Alltag übertragen. Die große Frage ist: Kann man Glück lernen? Die Finnen sagen: Ja.
Sauna
In Finnland ist der schnellste Weg zum Glück der Gang in die Sauna. Dem Saunieren werden positive Effekte für das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem nachgesagt – sogar das Risiko an Alzheimer zu erkranken, soll sich durch regelmäßige Sauna-Besuche verringern. Die Studien zu diesen Erkenntnissen wurden allerdings vor allem in Finnland und bei Männern mittleren Alters durchgeführt.
Früher war es in Finnland sogar üblich, Kinder in Saunas zu gebären – denn der Raum galt als sterilstes Zimmer im Haus, erzählt mir die Programmführerin unserer Masterclass, Minna Myyrinmaa. Und im finnischen Örtchen Heinola ist das kollektive Schwitzen zum Hochleistungssport geworden: Bis 2010 fand dort die Sauna-Weltmeisterschaft statt, bei der die Teilnehmer möglichst lange in der 110 Grad heißen Sauna ausharren mussten. Die Sieger waren fast immer – Überraschung – Finnen. 2010 endete der Wettbewerb tragisch, als ein Teilnehmer in einem letzten brutalen Finale zusammenbrach und starb und ein zweiter mit schwersten Verbrennungen ins Krankenhaus musste.
In übertriebener Hitze zusammen schwitzen – das hatte bisher für mich so gar keinen Reiz. Meine wenigen Saunagänge waren bestimmt 15 Jahre her, und damals hatte ich beschlossen, dass ich Saunas hasse. Das sollte sich jetzt gehörig ändern. Und zwar täglich mindestens zweimal. Nach einer ersten Begrüßungsrunde werfe ich die Sauna in meiner Unterkunft an. Von den wohlig warmen Holzbänken reicht der Blick direkt in die Natur. Es ist schon 00:30 Uhr an diesem finnischen Sommerabend, als ich mich Finnlands liebstem Alltagsritual stelle. Die erste Bilanz: Gar nicht mal so übel.
© Laura Csapó
Über dem See steht die Mitternachtssonne so tief wie sie nur stehen kann in diesen Monaten, in denen es hier im Norden nie richtig dunkel wird. Ich erlebe zum ersten Mal einen Sonnen-"untergang", der sich über Stunden hinweg zieht. Es ist ein magisches Naturschauspiel. Um 01:30 Uhr bin ich immer noch wach und sehe das Tageslicht wieder zurückkehren. Eine Stadtführerin in Savonlinna, einem kleinen Städtchen nicht weit von unserem Resort, sagt am nächsten Tag zu mir, dass die Mitternachtssonne sich auch für die Finnen jedes Jahr wie ein "positiver Schock" anfühle – sie hätte es nicht treffender beschreiben können, wie sich dieser Lichtüberfluss auf den Körper auswirkt. Die kommenden Tage changieren zwischen Schlafmangel und großer Energie – beeinflusst von einer nie verschwindenden Sonne.
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Natur
Es ist dieses intensive Wahrnehmen der Natur, die eine unerschöpfliche Ressource in diesem Land ist, das maßgeblich zu einem glücklichen Alltag beiträgt – zumindest sind sich dabei alle Finnen einig, mit denen ich während dieser viertägigen Reise sprechen konnte. Und der Natur sollten wir auf dieser Reise noch genug begegnen.
Unser erster Morgen beginnt mit SUP-Yoga am Saimaa-See in Punkaharju. Hier liegt der Schnee von Oktober bis April. Im Mai war der See noch zugefroren, jetzt hat er vielleicht 11 Grad Celsius. Als wir mit Badeklamotten auf die SUP-Boards steigen, begrüßt uns der Sommertag mit beißendem Wind und dunklen Wolken. Es ist unsere erste Begegnung mit Sisu – dem finnischen Schlüssel zum Glück. Sisu ist ein nicht übersetzbares Wort, das so viel bedeutet wie stoische Entschlossenheit, Durchhaltevermögen oder Willenskraft. Nach wenigen Übungen auf dem Board wird es schon ein wenig wärmer, und als die Sonne rausspitzt, können wir sogar ein wenig genießen, eins werden mit dem leichten Schaukeln auf dem Wasser und dem Blick in die Weite. Sisu.
© Visit Finland
Schon 15 Minuten am Tag in der Natur zu verbringen, kann die psychische und körperliche Gesundheit verbessern. "Mehr braucht es nicht", sagt Happiness-Coach Mikaela Creutz bei einem Kurztrip auf eine bewaldete Insel im Saimaa-See am zweiten Tag. Wir sitzen um ein Lagerfeuer und trinken Kaffee, der in einer Rußpfanne aufgebrüht wurde. Mikaela möchte, dass wir uns unseren eigenen Baumstamm aussuchen. Sie zeigt uns eine Atemübung, bei der wir uns mit geschlossenen Augen an die Rinde der riesigen Pinien lehnen. Andächtig atmen wir die Waldluft ein, schauen nach oben in die Baumkronen und umarmen den Stamm. Ob man eine Übung wie diese nun belächelt oder nicht – sie ist genauso gut im Stadtpark zu Hause möglich wie hier in den Weiten der finnischen Seenplatte. Die Frage ist nur: Nimmt man sich bewusst die Zeit dafür?
Als wir zum Boot zurückwollen, um die Insel wieder zu verlassen, springt der Motor nicht mehr an. "Das Boot ist stur", sagt unser Kapitän. "So wie Rentiere. Die arbeiten auch nur, wenn sie möchten."Diese Gelassenheit ist definitiv etwas, was uns in Deutschland fehlt und was es südlich und nördlich von uns zur Genüge gibt. Ein halbes Stündchen später naht ein Bekannter unserer Kapitänin zur Rettung und bringt eine schicke kleine Motoryacht mit Sonnendeck mit. Gleich zwei Lektionen können wir davon mitnehmen, sagt Happiness-Coach, Mikaela Creutz: "Wenn man in die Natur geht, erlebt man immer wieder solche Mikro-Abenteuer" und "wenn man wenig erwartet, wird man mit den kleinen Dingen belohnt".
© Laura Csapó
Essen
Zur Naturverbundenheit der Finnen gehört auch das Jedermanns-Recht, das besagt, dass sich jeder überall in der Natur frei bewegen, im Freien schlafen und Nahrung aus der Natur nutzen darf. Und gerade Letzteres nimmt eine große Rolle in der finnischen Küche ein, die wir an unseren Abenden zusammen genießen dürfen – in mehreren Gängen, die bis in die Nacht hinein verspeist werden. Dass es so spät ist, merkt sowieso niemand, denn es ist ja noch taghell.
© Laura Csapó
Wilder Thymian, seltene süß-saure Moltebeeren, frischer Fisch und saisonale Pilze – was die finnische Natur hergibt, schmeckt fantastisch. Und kostet manchmal zugegebenermaßen auch ein wenig Überwindung. Rentierherz zum Beispiel, was lecker ist, wenn man ausblendet, was es ist. Oder Nachtisch mit Teer. Die Finnen lieben Speisen, die mit dem geräucherten Harz versehen sind. Wie Pullover nach einer verrauchten Nacht am Lagerfeuer riechen, ist vermutlich das, was dem Geschmack am nächsten kommt. Sisu – und genießen. Das wird auch das Motto des nächsten Tages, an dem ich zwei Dinge lernen werde: Ich bin weicher als gedacht. Und ich bin härter als gedacht.
Handwerk
Lektion eins wird der Besuch auf einem Bauernhof in Rantasalmi, in der Nähe des Resorts. Er ist in der siebten Generation geführt. Das Haus stammt aus dem Jahr 1814. Bäuerin Susanna Westerstrahle begrüßt uns und entschuldigt sich sofort, sie ist den Tränen nahe. Ein alpiner Laika, ein alter russischer Jagdhund, hat sieben ihrer Schafe gerissen. Zwei waren sofort tot, vier musste sie schlachten und zwei vermisst sie immer noch. Jagdunfälle wie diese sind selten, aber sie passieren. Wir sollen ihr verzeihen, wenn sie nicht ganz bei der Sache sei, sagt sie. "Auch wenn wir selbst schlachten – die Tiere so leiden zu sehen, ist einfach schrecklich."
© Laura Csapó
Auf dem Hof lernen wir heute etwas über finnisches Design. Es ist in der Regel schlicht, schön und funktional – die nordische Antwort auf Bauhaus. "Unser Design ist demokratisch", sagt Coach Taina Snellman-Langeskiöld. Schon früh habe es den Frauen Gleichberechtigung im Handwerk gebracht. Und die Qualität sei seit jeher hoch, aber erschwinglich. Auf dem Land in Finnland sei man nicht immer so gut versorgt gewesen wie heute. Im 19. und 20. Jahrhundert war man hier meist bettelarm. "Und die Armen können sich keine schlechte Qualität leisten."
Wir sollen selbst Hand anlegen und einen kleinen Teppich-Vorleger aus feinster Schafwolle mit bunten Wollbällchen schmücken, denn "Handwerk, das macht die Finnen glücklich." Mehr als 50 Prozent der Finnen werkeln regelmäßig in ihrer Freizeit, 86 Prozent interessieren sich dafür. Und mit Covid habe das Interesse sogar noch zugenommen. "Besonders in den dunklen Monaten ist das Handwerk ein wichtiger Ausgleich für die Psyche." Man sitze zusammen beim Basteln und unterhalte sich mit Freunden und Familie.
Wir sitzen inmitten von Stroh in einem offenen Holzschuppen, Körben voller Wollknäuel und Vasen, die Taina und Susanna mit frischem Flieder befüllt haben, der herrlich duftet. Und als wir unsere eigenen kleinen Teppiche wegpacken, macht sich eine Erkenntnis breit. Dass Basteln Spaß macht, habe ich seit dem Ende der Schulzeit vergessen.
© Laura Csapó
Und noch etwas ist in Vergessenheit geraten: Nach dem Workshop dürfen wir ein paar Schafen den Kopf kraulen. Eine Mitreisende aus Tokio fragt mich, ob ich mit Tieren aufgewachsen bin. Nicht wirklich, aber sie waren mir immer vertraut. Heute bin ich so sehr Stadtkind, dass ich ausgeblendet habe, wie gut die Nähe zu Tieren tut.
"Eis"-Baden
Die zweite Lektion "Ich bin härter als gedacht”, folgt am späten Nachmittag. Wir testen Saunafloating in der kleinen Stadt Imatra, nahe der finnisch-russischen Grenze. In einem Trockenanzug, mit dem man aussieht wie ein knallrotes Michelin-Männchen, lassen wir uns in der Strömung des Vuoksi Flusses treiben. Pure Entspannung. Was darauf folgt, ist der Gang in die Sauna. Und diese hier klettert über die 100 Grad Marke und ist heißer als alle zuvor. Traditionell kühlt man sich in Finnland im Fluss oder See ab. Für die Finnen ist das Wasser jetzt gerade angenehm, im Winter gehen sie nach der Sauna Eisbaden – oft schon von klein auf. Als ich meinen Fuß in das Wasser hänge, muss ich an die Szene in "Titanic" denken, in der Jack Rose erklärt, wie kalt das Wasser ist: "So kaltes Wasser, wie das da unten, das ist wie tausend Stiche, die man am ganzen Körper spürt. Man kann nicht mehr atmen, man kann an nichts mehr denken. An nichts, mal abgesehen von dem Schmerz."
Das Wasser hier ist wenige Grad wärmer als das im Film – das Gefühl ist ähnlich. Der Körper wehrt sich, geht in einen Schockzustand. Ich schaffe es zumindest zweimal kurz einzutauchen. Die Haut brennt rot, aber der Kopf ist frei. "Man ist ein anderer Mensch, oder", sagt ein italienischer Mitreisender. "Finde deine innere Finnin." – in diesem Moment bin ich ihr am nächsten gekommen.
Einstellung
Sisu – es ist diese Resilienz der Finnen, die ihr Glück ausmacht. Und das Verständnis von Glück, das ein ganz eigenes ist. Sie suchen es nicht in den großen ekstatischen Momenten, sondern in der Zufriedenheit der kleinen Dinge. Der Spaziergang am See mit der Familie, die frisch gepflückten Beeren. Wenn es um das Glücklichsein geht, hat sich seit Jahren eine Frage in meinem Kopf eingebrannt, die ich einmal irgendwo gelesen habe: Ist die Suche nach dem Glück das Ende der Zufriedenheit? Die Finnen würden sagen: Höre auf zu suchen.
