Großdemo in Istanbul für inhaftierten Bürgermeister Imamoglu
Die Proteste gegen die Inhaftierung des wichtigsten Erdogan-Rivalen reißen nicht ab - ebenso wie die Festnahmen von Regierungskritikern und Journalisten. Nun steht eine große Kundgebung bevor. Mit einer Großkundgebung in Istanbul will die größte türkische Oppositionspartei CHP erreichen, dass ihr inhaftierter Präsidentschaftskandidat Ekrem Imamoglu freigelassen wird. Zu dem geplanten Massenprotest im Stadtteil Maltepe werden heute Mittag Tausende Menschen erwartet. Die Demonstranten werfen dem autoritär regierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor, den abgesetzten Istanbuler Bürgermeister Imamoglu mit Hilfe der Justiz politisch kaltstellen und sich so seines wichtigsten Rivalen entledigen zu wollen. Imamoglu selbst schrieb in einem Gastbeitrag für die "New York Times", unter Erdogan habe sich die Türkei in eine "Republik der Angst" verwandelt. Doch trotz - oder gerade wegen - der Repressionen gegen Regierungskritiker leisteten die Menschen auf den Straßen beharrlich Widerstand. In einer Botschaft auf der Plattform X bedankte er sich bei ihnen und schrieb: "Ich bin auf der Seite unserer jungen Leute und bewundere ihren Mut. Sie sind im Begriff, Geschichte zu schreiben." Der 53-Jährige wird zurzeit im bekannten Marmara-Gefängnis in Silivri nahe Istanbul festgehalten. Der beliebte Oppositionspolitiker war am 19. März unter Verweis auf Korruptionsvorwürfe inhaftiert und später als Bürgermeister der Millionenmetropole abgesetzt worden. Parallel laufen Ermittlungen wegen angeblicher Terrorunterstützung gegen ihn. Imamoglu dankt Demonstranten: "Bewundere ihren Mut" Seine Festnahme löste eine Protestwelle im gesamten Land aus, der die Polizei mit Hunderten Festnahmen und teils brutaler Härte gegen zumeist friedliche Demonstranten begegnete. Genaue Zahlen zu verletzten Demonstranten werden nicht veröffentlicht, die Polizei berichtete bloß von mehr als 100 verletzten Beamten. Die Führung der sozialdemokratischen CHP will die Proteste so lange fortsetzen, bis eine vorgezogene Präsidentschaftswahl angesetzt wird oder Imamoglu freikommt. Am Freitag gab es bereits den zehnten Abend in Folge Demonstrationen in etlichen Städten. Protestiert wurde auch in Istanbul - wo es erneut mehrere Festnahmen gab. Anwalt Imamoglus festgenommen Während die Demonstrationen vielerorts verboten sind, ließ das Gouverneursamt in Istanbul dieses Protestverbot inzwischen auslaufen. Festnahmen gibt es allerdings weiterhin. Am Freitag wurde einer von Imamoglus Anwälten wegen angeblicher Geldwäsche zeitweise in Gewahrsam genommen. Unter Auflage einer Ausreisesperre kam er später wieder frei, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Journalisten im Visier Unter den Festgenommenen befinden sich zunehmend auch Journalisten. Am Donnerstag wurde ein BBC-Reporter festgenommen und aus der Türkei abgeschoben, der sich nach Angaben des britischen Senders mehrere Tage im Land aufgehalten hatte, um über die Proteste zu berichten. Dass auch innerhalb des Polizeiapparats nicht alle Beamten auf Erdogans Linie sind, zeigen die Schilderungen des Journalisten: Während seiner sieben Stunden im Polizeihauptquartier hätten ihm mehrere Beamte gesagt, sie seien mit dem Vorgehen der Behörden nicht einverstanden. Einer habe ihn gar umarmt und ihm Freiheit gewünscht, schrieb Reporter Mark Lowen auf der BBC-Webseite. Ebenfalls am Donnerstag wurde ein Mitarbeiter der schwedischen Zeitung "Dagens ETC" laut deren Angaben nach der Landung in Istanbul zum Verhör abgeführt. Wie es mit ihm weitergeht, ist noch unklar. Auch zwei türkische Journalistinnen wurden im Zusammenhang mit den Protesten festgenommen, wie die Tageszeitung "Evrensel" am Freitag berichtete.
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