Wolfgang Lehmann lebt nicht mehr
Von Rüdiger Dittrich (Gießener Anzeiger)
Langjähriger Berichterstatter über den MTV Gießen im Alter von 72 Jahren verstorben.
Gießen. Manche Dinge fallen in doppelter Hinsicht schwer. Auch wenn es zum Kerngeschäft gehören mag, ist ein Nachruf nicht der Text, den man mit Freude angeht, den man gerne schreibt. Vielleicht noch am ehesten, so ließe sich formulieren, mit dem Willen, einem Menschen annähernd gerecht zu werden. Es gut zu machen. Das ist schwer bis unmöglich in ein paar Zeilen. Denn so ein Nachruf, was für ein seltsames Wort, bedeutet ja auch, Abschied zu nehmen, hat etwas Endgültiges.
Wenn wir noch in der alten Anzeiger-Redaktion säßen, es 15 bis 20 Jahre früher wäre, würde die Tür aufgehen und er würde mit klarer Stimme und seinem markanten Lachen, das man nie vergisst, fragen: Moin Männer, alles klar? Und der damalige Chef Willi Heuser würde aufschauen, seinen Schreibtischstuhl im Sitzen in Richtung der Tür drehen und verschmitzt mehr brummeln als sagen: Aaach, der Herr Lehmann, da isser ja, kannst gleich loslegen. Uli Winter würde scherzen: hey Wolle, ich dachte du kommst heute gar nicht rein, Karsten Zipp ergänzen: wollte er ja auch nicht, ehe Albert Mehl lautstark intervenieren würde: Mach hin Wolle, mer esse früh. Redaktionsalltag. Über Jahrzehnte. Es war viel (gemeinsame) Arbeit, es war viel Spaß.
Und irgendwann muss oder soll man dann nachrufen. Für Willi Heuser vor zehn Jahren. Jetzt für Wolfgang »Wolle« Lehmann. Der vermutlich sagen würde: Es ist, wie es ist. Und sich an den Schreiber wenden: »Trag nicht so dick auf.« Wolfgang Lehmann, genannt und bekannt als Wolle, jahrein, jahraus mit dem Kürzel wol versehen, lebt nicht mehr. Er ist am vorvergangenen Freitag nach langer Krankheit in seiner Geburtsstadt Bonn, in der er zuletzt wieder wohnte, gestorben. Mit 72 Jahren. Wolle Lehmann war kein normaler freier Mitarbeiter, er war im besten Sinne etwas Besonderes, ein so fester Freier, wie es im Fachjargon heißt, dass er von den festen Redakteuren kaum zu unterscheiden war. Und auch deshalb an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung gerufen werden soll. Weil er als Basketball-Berichterstatter des MTV 1846 Gießen (und wie sie auch immer danach hießen) über Jahrzehnte stilprägend und, ohne anderen zu nahe zu treten, einzigartig kompetent und abwechslungsreich berichtete. Wolle Lehmann war über sein Engagement für den Gießener Anzeiger, für den er auch lange den VfB 1900 Gießen in der Fußball-Hessenliga betreute, für den er das stilbildende »Was macht eigentlich?« ins Leben rief und die bundesweit Resonanz hervorrufende Sportlerwahl gemeinsam mit Willi Heuser organisierte, in Stadt und Land bekannt. Und geschätzt.
Das obwohl, oder vielleicht auch weil er stets (kritisch) zu kommentieren wusste und den Finger in die Wunde legte. Wenn sich Kompetenz mit Offenheit, Klarheit mit Fairness paart, dazu noch außergewöhnlich gut formuliert, dann funktioniert das. Dann erntet man Anerkennung. Fachlich wie menschlich. Solchermaßen prägte Wolfgang Lehmann viele, viele Jahre den Gießener Anzeiger und letzthin den heimischen Sport. An dieser Stelle würde Wolle, Ehemann, Vater von vier Kindern, Großvater von sieben Enkeln, eingreifen: »Och, Rüdiger, übertreib mal nicht.« Er würde schmunzeln und den Schreiber ein wenig hochnehmen, weil man doch froh sein könne, dass »Köln wieder in der Fußball-Bundesliga spielt. Da hat Gladbach wenigstens sechs Punkte sicher.« Ja, ist gut, Wolle, würde ich, der Köln-Fan, dem Gladbach-Anhänger entgegnen. Immer wenn Derbys anstanden zwischen den Altmeistern kam die augenzwinkernde Whats-App aus Bonn, vom Weißensee, aus Prag, wo auch immer er, als Lehrer und später im Ruhestand, sein Domizil errichtet hatte. Und auch aus Großen-Buseck und Krofdorf-Gleiberg, denn der Rheinländer mit dem Drang zum Ortswechsel ist über die Jahrzehnte hinweg auch ein echter Mittelhesse geworden.
Einer, der nicht nur via Zeitung seine zweite Heimat prägen sollte, sondern auch als Lehrer an der Friedrich-Feld-Schule zur prägenden Persönlichkeit für ganze Schülergenerationen avancierte. Wie einer der Ehemaligen jetzt formuliert: »Wolle war ein freundlicher Mensch und überragend zugewandter Lehrer, der jeden Schüler individuell gefördert hat, um das Beste für ihn zu erreichen.« Das sagt der Ex-Zögling über den Lehrer Lehmann für Deutsch und Sport, der privat nicht nur viel las, sondern auch in gesetzterem Alter noch selbst gerne den Ball durch die Reuse warf, sich zum Badminton verabredete oder – beim Betriebskick des GA – begeistert gegen den Ball trat. So wie er auch mit Begeisterung über all das schrieb, es einordnete, nie 08/15, sondern stets besonders und elegant. So schaute man sich, damals zu Beginn der eigenen freien Mitarbeit, was ab von demjenigen, der schon länger dabei war – und so unverwechselbar schreiben konnte. Was diesen Nachruf in doppelter Hinsicht, so wären wir wieder beim Anfang, schwer macht. Auch in der Hoffnung, die Zeilen hätten dem »großartigen Menschen«, wie ein langjähriger Freund aus dem Gießener Basketball Wolle Lehmann bezeichnet, ein wenig zugesagt.
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