Die RSF-Miliz hat nach Monaten der Belagerung die Stadt El Fascher im Sudan eingenommen. Nun mehren sich Berichte über Massaker und weitere Kriegsverbrechen. Die Lage in El Fascher, der Hauptstadt des Bundesstaates Nord-Darfur im Sudan, hat sich dramatisch zugespitzt. Nach monatelanger Belagerung hat die paramilitärische Miliz Rapid Support Forces (RSF) nach eigenen Angaben die Kontrolle über die letzte Bastion der sudanesischen Armee in der Region übernommen. Während die Miliz den Sieg feiert, mehren sich internationale Warnungen vor Massentötungen und ethnischen Säuberungen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, hat das Vorrücken der RSF in El Fascher die Befürchtung ausgelöst, "die RSF könnte nun Ressourcen für Angriffe außerhalb Darfurs freisetzen", was zu einer weiteren Eskalation des sudanesischen Bürgerkriegs führen könnte. Besonders besorgniserregend sei das Schicksal der rund 250.000 noch in der Stadt verbliebenen Zivilisten. Bürgerkrieg spitzt sich zu: "Sie schießen auf Zivilisten und rufen 'Tötet die Nuba'" Abzug der Armee aus El Fascher: Sudans Militärherrscher kündigt "Rache" an Der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher warnte in einer Mitteilung, dass "Hunderttausende eingeschlossen und verängstigt" seien – "beschossen, ausgehungert und ohne Zugang zu Nahrung, medizinischer Versorgung oder Sicherheit". "Diese Operationen deuten auf eine systematische Haus-zu-Haus-Säuberung hin" Ein aktueller Bericht des Humanitarian Research Lab (HRL) der Yale School of Public Health stützt diese Befürchtungen mit konkreten Hinweisen auf Massentötungen durch die RSF. In mehreren Stadtteilen El Faschers zeigten Satellitenbilder vom 27. Oktober 2025 laut HRL "Anhäufungen von Objekten, die der Größe menschlicher Körper entsprechen, sowie rötliche Verfärbungen des Erdreichs", wie sie typischerweise durch Blut entstehen. Diese Beobachtungen seien in früheren Bildern nicht vorhanden gewesen. Laut HRL scheint die Miliz gezielt Häuserreihen im Stadtteil Daraja Oula durchkämmt zu haben. "Diese Operationen deuten auf eine systematische Haus-zu-Haus-Säuberung hin", so der Bericht. Fahrzeuge blockierten gezielt Seitenstraßen, viele davon mit montierten Waffen. In der Nähe des Verteidigungswalls rund um El Fascher seien ebenfalls "Objekte beobachtet worden, die mit der Größe menschlicher Körper übereinstimmen". Die HRL-Analyse sieht dies als mögliches Indiz für "Hinrichtungen von Menschen, die versuchten, über den Wall aus der Stadt zu fliehen". Auch die Nichtregierungsorganisation Sudan Doctors Network berichtete von einem "grauenhaften Massaker", das Teil einer "ethnischen Säuberung" sei, seit die RSF die Militärbasis der Stadt übernommen hat. Diese Behauptungen konnten bislang nicht unabhängig überprüft werden. "Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und möglicherweise Genozid" Die RSF, einst hervorgegangen aus der berüchtigten Janjaweed-Miliz, wird seit Längerem beschuldigt, einen Genozid an afrikanischen Ethnien in Darfur zu verüben. Menschenrechtsorganisationen werfen der RSF zudem gezielte Angriffe auf Zivilisten, Blockaden humanitärer Hilfe und ethnisch motivierte Massaker vor. Laut Shayna Lewis von der Organisation Avaaz "steht die internationale Gemeinschaft bislang tatenlos daneben, während die RSF eine Serie ethnisch motivierter Massaker verübt". Auch Yale HRL warnt eindringlich vor einem "systematischen und gezielten Prozess ethnischer Säuberung", insbesondere an Angehörigen der Fur-, Zaghawa- und Berti-Gemeinschaften in El Fascher. Die RSF habe laut HRL bereits über Monate hinweg eine Belagerung durchgeführt, die zu Hunger und humanitären Katastrophen geführt habe. Die aktuellen Taten könnten "den Tatbestand von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und möglicherweise Genozid erfüllen". Zugleich kommt die humanitäre Versorgung ans Limit. Laut Angaben von Ärzte ohne Grenzen, die in einem nahegelegenen Gesundheitsposten Flüchtlinge behandeln, wurden allein in einer Nacht mehr als 1.000 Menschen per Lastwagen evakuiert. 130 davon mussten in die Notaufnahme eingeliefert werden, 15 befanden sich in einem lebensbedrohlichen Zustand, erklärte die Organisation dem Sender NPR. Will die RSF den Sudan teilen? Der politische Kontext verschärft die Lage weiter. Die RSF hat in Darfur bereits eine eigene Parallelregierung ausgerufen. Analysten vergleichen die Entwicklung mit der Lage in Libyen , wo sich zwei Machtzentren entlang geografischer Linien etabliert haben. Massad Boulos, Sonderberater der USA , erklärte dem arabischsprachigen Sender Al Jazeera, dass eine vollständige Kontrolle der RSF über Darfur "gefährliche und beunruhigende Folgen im Hinblick auf eine Teilung des Landes" haben könnte. Internationale Stimmen fordern nun dringende Maßnahmen. "Humanitäre Korridore müssen sofort geöffnet werden. Die Welt beobachtet El Fascher mit großer Sorge", schrieb der US-Sondergesandte Boulos. Die Vereinten Nationen fordern indes ein sofortiges Ende der Gewalt und werfen zugleich Staaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) vor, die RSF mit Waffen zu unterstützen – ein Vorwurf, den die UAE bestreitet. Im Sudan herrscht seit April 2023 ein brutaler Machtkampf zwischen De-facto-Machthaber Abdel-Fattah al-Burhan und seinem einstigen Stellvertreter Mohamed Hamdan Daglo, der die RSF kommandiert. Während die Armee zwischenzeitlich die Hauptstadt Khartum zurückerobern konnte, hat die RSF-Miliz ihre Kontrolle über die Region Darfur an der Grenze zum Tschad verfestigt. Beobachter fürchten eine dauerhafte Spaltung des Landes. Für den aktuellen Bürgerkrieg seit 2023 gibt es keine belastbaren Opferzahlen, nach einer von den USA zitierten Schätzung könnten aber bis zu 150.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind auf der Flucht. Mehr als 26 Millionen Menschen, etwa die Hälfte der Bevölkerung, sind von Hunger bedroht.