Luftfahrt: Neues Flugzeugwerk setzt auf Comeback der Kurzstrecke
Trotz weniger Inlandsflüge wird in Leipzig/Halle ein Regionalflugzeug gebaut. Das Projekt soll neue Verbindungen ermöglichen - doch der Erfolg hängt auch vom Klimaschutz und neuen Treibstoffen ab.
Inlandsflüge werden seltener, Tickets sind teuer, und aus Klimasicht steht die Kurzstrecke besonders in der Kritik. Trotzdem entsteht am Flughafen Leipzig/Halle ein Werk für ein neues Regionalflugzeug. Wie passt das zusammen - und was bedeutet das für die Region?
Der Luftverkehrsexperte Hartmut Fricke sieht in kleineren, sparsameren Maschinen durchaus eine Zukunft. Moderne Regionalflugzeuge "könnten eine Renaissance des Verkehrs erreichen", sagt der Professor für Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der Technischen Universität Dresden. Der klassische Kurzstreckenflug mit großen Jets sei für viele Airlines kaum noch rentabel. Zugleich hätten Bahn und Straße zuletzt an Zuverlässigkeit verloren. Die Suche nach schnellen Verbindungen zwischen kleineren Städten sei deshalb "so hoch wie lange nicht mehr".
Genau auf diese Lücke zielt die D328eco, die vom deutschen Flugzeughersteller Deutsche Aircraft entwickelt wird und künftig in Leipzig gebaut werden soll. Das Turbopropflugzeug - also ein propellergetriebenes Regionalflugzeug mit Turbinenantrieb - ist für rund 40 Passagiere ausgelegt und verbraucht auf kurzen Strecken deutlich weniger Treibstoff als größere Jets.
Heute würden auf solchen Routen oft zu große Maschinen eingesetzt, sagt Standortmanager Sebastian Böhnl von der Deutschen Aircraft. Kleinere Flugzeuge seien für diese Strecken deutlich wirtschaftlicher. "Der Bedarf an Regionalfliegern ist da."
Hoffnung auf neue Verbindungen
Das Konzept dahinter klingt einfach: Statt weniger Flüge mit großen Maschinen könnten wieder mehr Direktverbindungen mit kleineren Flugzeugen entstehen - häufig als Zubringer zu internationalen Drehkreuzen. Davon würden auch kleinere Flughäfen profitieren.
Gerade der Flughafen Leipzig/Halle hatte vor der Corona-Pandemie viele innerdeutsche Linien im Angebot - ein Geschäftsmodell, das sich nach der Pandemie deutlich schwächer entwickelt hat, weil Airlines ihre Kapazitäten stärker auf Drehkreuze und touristische Ziele verlagern.
Genau da setzt das Konzept kleinerer, effizienterer Flugzeuge an. Sie sollen Strecken wieder wirtschaftlich machen, die mit größeren Maschinen nicht mehr rentabel sind.
Der mögliche Markt geht über klassische Regionalfluglinien hinaus. Auch Behörden, Küstenwache oder militärische Nutzer gehören zu den potenziellen Kunden.
Klimafrage bleibt entscheidend
Ob Regionalflugzeuge tatsächlich ein Comeback erleben, hängt stark vom Klimaschutz ab. Die neue Maschine ist für nachhaltige Flugkraftstoffe (SAF) ausgelegt, die deutlich weniger CO2 verursachen als herkömmliches Kerosin.
Allerdings wird dieser Treibstoff auf Jahre knapp bleiben. "In den nächsten fünf Jahren ist SAF-Knappheit unvermeidbar", sagt Fricke. Eine feste Beimischungsquote hält er dennoch für sinnvoller als höhere CO2-Abgaben, weil der Ausstoß dann durch saubereren Treibstoff sinken würde - und nicht in erster Linie dadurch, dass Fliegen teurer wird und die Nachfrage zurückgeht.
Der Flugzeugbauer selbst sieht sich hier vor allem als Technologietreiber. "Wir stellen das Produkt her und hoffen natürlich damit, dass der Stein ins Rollen kommt", sagt Böhnl. Es sei ein klassisches "Henne-Ei-Prinzip": Ohne neue Flugzeuge gebe es keine Nachfrage nach klimafreundlichem Treibstoff - und ohne ausreichend verfügbaren Treibstoff bleibe der klimafreundlichere Luftverkehr begrenzt.
Industrieprojekt mit Wirkung für die Region
Für Sachsen ist das Werk eines der größten Luftfahrtprojekte seit Jahrzehnten. Der Standort Leipzig/Halle ist der einzige Produktionsort für das Flugzeug. Perspektivisch sollen hier bis zu 48 Maschinen pro Jahr gebaut werden - rechnerisch etwa eine alle fünf Tage.
Rund 150 hochqualifizierte Fachkräfte werden allein in der Montage benötigt. Der Aufbau erfolgt schrittweise, weil die Anforderungen in der Luftfahrt besonders hoch sind. Fehler ließen sich im Betrieb nicht einfach beheben. "Ein Flugzeug kann nicht in der Luft anhalten und rechts ranfahren wie ein Auto", sagt Böhnl. Deshalb setzt das Unternehmen zunächst auf erfahrene Beschäftigte aus der Branche und bereitet parallel Umschulungsprogramme mit Kammern und Arbeitsagentur vor.
Teile der Wertschöpfung entstehen bereits in Sachsen: Die Kabinenböden für die Flugzeuge kommen von den Elbe Flugzeugwerken in Dresden. Gleichzeitig gilt die Branche als personalintensiv - rund 80 Prozent der Arbeiten werden in der Luftfahrt noch von Hand erledigt, deutlich mehr als in der stark automatisierten Autoindustrie.
Produktion für Jahrzehnte angelegt
Auf der Baustelle nimmt das Werk sichtbar Gestalt an. In den Hallen wird die Logistiktechnik installiert, ab Juni beginnt die Ausrüstung der Montagestationen. Der erste in Leipzig montierte Testflieger soll im ersten Quartal 2027 fertig werden. Das ungewöhnlich kalte Wetter in den vergangenen Wochen habe den Bau zwar um einige Wochen verzögert, der Zeitplan werde aber weiterhin gehalten, sagt Böhnl.
Langfristig ist der Standort auf Wachstum ausgelegt. Für den Fall steigender Nachfrage sind auf dem Gelände bereits Erweiterungsflächen vorgesehen. Ein Flugzeugwerk plane man "für 30 Jahre plus", sagt Böhnl.
Ob die Rechnung aufgeht, entscheidet sich am Ende am Markt - und an der Klimapolitik. Für den Luftfahrtstandort Leipzig/Halle ist das Projekt dennoch schon jetzt ein Signal: In einem schrumpfenden Segment setzt die Region auf eine neue, effizientere Generation von Flugzeugen.
