Meinung: Julian Nagelsmann hört nicht auf die Undav-Fans – und hat vollkommen recht
Deutschland steht bei der WM sicher in der nächsten Runde, da werden die Rufe nach Rotation laut. Dabei hat Julian Nagelsmann recht, auf Undav, Baumann und Co. zu verzichten.
Die deutsche Nationalmannschaft ist in diesem Juni und Juli so etwas wie das Herzstück der Nation. Man liebt sie, wenn sie gewinnt, man leidet mit ihr, bei jeder Niederlage. Zu jeder Großveranstaltung mutieren Fanmeilen, Kneipen und Wohnzimmer zur Ansammlung von Bundestrainern und -trainerinnen, die es besser wissen als der eigentliche Coach. Und das ist in diesem Fall Julian Nagelsmann. Die ersten beiden WM-Spiele hat das DFB-Team gewonnen, steht sicher als Gruppenerster im Sechzehntelfinale der WM 2026. Auch dank Nagelsmann, der gerade im Duell mit der Elfenbeinküste an den richtigen Schräubchen drehte.
Bereits Tage vor dem letzten Gruppenspiel gegen Ecuador am Donnerstagabend wurden die Rufe der Nation nach einer Rotation laut. Oliver Baumann solle seinen verdienten WM-Einsatz nach der Degradierung hinter Manuel Neuer bekommen. Deniz Undav nach drei Toren und zwei Vorlagen als Einwechselspieler endlich seine Chance von Beginn an bekommen. Andere Spieler wie Nick Woltemade, Maximilian Beier oder Angelo Stiller für Entlastung der Stammspieler sorgen.
Nur Nagelsmann hört da nicht zu – und hat damit vollkommen recht. Notgedrungen muss er den verletzten Nico Schlotterbeck durch Antonio Rüdiger ersetzen, David Raum spielt für den angeschlagenen Nathaniel Brown. Allen anderen Rufen erteilt der 38-Jährige eine Absage. „Es ist die berechtigte Frage von allen, dass man diskutiert, ob wir wechseln oder nicht“, erklärte Nagelsmann auf der Pressekonferenz am Mittwoch (Ortszeit), um dann zur Breitseite gegen alle Kritiker auszuholen: „Jetzt haben wir zwei Spiele gemacht und jetzt wird diskutiert, wie viel wir wechseln.“
Denn vor der WM war es der Bundestrainer, der ausgerechnet dafür in der Kritik stand, zu häufig zur Rotation zu greifen. „Wenn es Deutschland gelingt, eine Mannschaft zu werden, obwohl der Trainer es nicht geschafft hat, zweimal hintereinander mit derselben Elf zu spielen – dann haben wir eine Chance“, hatte Uli Hoeneß Mitte Mai in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ gestichelt. Unrecht mit seiner Kritik hatte Hoeneß damit nicht, kommentierte seinerzeit mein Kollege Tim Schulze.
Julian Nagelsmann macht's bei der WM wie bei der EM
Dass Nagelsmann nun also nicht auf Rotation setzt, mag einigen missfallen, doch spricht das dann von einer gewissen Ignoranz bei seinen Kritikern. Denn auch wenn das DFB-Team zwei Spiele gewonnen hat, muss es sich auch weiter im Turnierverlauf finden – gerade nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Nico Schlotterbeck. Auch dafür waren die Experimente Nagelsmanns in der Vorbereitung gut, um Alternativen mit dem Spielsystem vertraut zu machen. Dazu hat Nagelsmann eine Atmosphäre im Team geschaffen, die endlich mal wieder von einem Zusammenhalt zeugt. Schon jetzt werden Parallelen zum Sommermärchen 2006 gezogen, in dem die Mannschaft bei der Heim-WM die Fans elektrisierte.
Zu guter Letzt aber bleibt sich der Nationaltrainer treu: Schon vor der EM 2024 in Deutschland wurde die ständige Rotation bei der Nationalmannschaft von Fans und Medien moniert. Deutschland gewann die ersten beiden Partien, und war sicher für die nächste Runde qualifiziert. Ob es Zeit für eine Rotation wäre, wurde auch damals gefragt. Mitnichten. Nagelsmann vertraute im abschließenden Gruppenspiel der Elf, die auch die ersten beiden Partien absolviert hatte.
Im Viertelfinale gegen Spanien rotierte Nagelsmann dann und brachte Emre Can und Leroy Sané für Florian Wirtz und Robert Andrich – ein Fehler, der vielleicht das Weiterkommen bei der EM verhinderte. Und eine Lehre für die WM war.
