Donald Trump hat Fifa-Präsident Gianni Infantino angerufen, dann wurde die Sperre des US-Stürmers Folarin Balogun aufgehoben. Der Fall ist mehr als ein Sportskandal – er erschüttert das Selbstverständnis seines Landes. Bastian Brauns berichtet aus Washington Donald Trump hat schon einmal versucht, einen Wettbewerb per Telefon zu beeinflussen – einen politischen in dem Fall. Das war nach der verlorenen Präsidentschaftswahl 2020. Darin forderte Trump Georgias Wahlleiter Brad Raffensperger auf, ihm die fehlenden Stimmen für den Wahlsieg zu "finden". Jetzt hat der US-Präsident erneut zum Hörer gegriffen. Dieses Mal rief er, wie er selbst bestätigte, bei Fifa-Präsident Gianni Infantino an, einen Mann, den er seit vielen Jahren gut kennt. Das Ziel war: die Sperre des für sein Team wertvollen US-Stürmers Folarin Balogun vor dem WM-Achtelfinale gegen Belgien aufheben zu lassen. Wie durch ein scheinbares Wunder wurde kurz darauf die Sperre wegen einer Roten Karte ausgesetzt. Ein Vorgang, der seit vielen Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen ist. Die Fifa betont zwar die Unabhängigkeit ihres Disziplinarausschusses. Doch allein der zeitliche Zusammenhang lässt nun weltweit einen schwerwiegenden Eindruck entstehen: Mit politischer Macht werden hier offenbar sportliche Regeln gebogen. Warum Fair Play in den USA fast heilig ist Gerade in den Vereinigten Staaten entfacht dieser Vorgang nun mehr als nur eine Debatte über Fußball. Denn was Donald Trump und wohl auch sein ebenfalls involvierter Handelsminister Howard Lutnick und Andrew Giuliani, Exekutivdirektor der Taskforce des Weißen Hauses zur Fifa-Weltmeisterschaft 2026, taten, trifft den empfindlichen Nerv eines Landes, das viel auf seine sportlichen Erfolge gibt. Kaum eine Nation investiert so viel in Spitzensport wie die USA . Vom Schulsport über die milliardenschweren College-Ligen bis zum olympischen Fördersystem ist sportliche Leistung ein wichtiger Teil der nationalen Identität. Sport ist hier mehr als nur Freizeitvergnügen. In den USA ist damit auch ein tief verwurzeltes gesellschaftliches Versprechen verbunden: Wer hart arbeitet, der kann gewinnen. "You earn it" ist nicht ohne Grund ein geflügeltes Wort. Der Erfolg muss verdient sein. Deshalb wird auch über Fairness so erbittert gestritten. Selbst die von Rechten mit Nachdruck vorangetriebene Transgender-Debatte im Frauensport dreht sich in den USA letztlich um genau diese Frage: Hat jemand einen unfairen Vorteil? Der Vorwurf des "Cheatings", also des Schummelns, gehört hier zu den schwersten überhaupt. Ob Doping, Schiedsrichterbestechung oder Spielmanipulationen, nichts beschädigt gerade den amerikanischen Sportmythos stärker als der Eindruck, ein Sieg sei nicht auf dem Spielfeld errungen worden. Wenn das Weiße Haus in den Sport eingreift Ausgerechnet in diesem Land entsteht nun der Eindruck, dass der Präsident persönlich versucht hat, die Chancen der eigenen Nationalmannschaft zu verbessern. Zahlreiche Politiker und andere öffentliche Akteure, vornehmlich aus dem demokratischen Spektrum, haben sich bereits zu Wort gemeldet und prangern die Einflussnahme an. Es sei eine Schande und große Peinlichkeit vor der Weltöffentlichkeit, so die Kritiker. Sie befürchten, dass nun für immer ein negatives Bild hängen bleibe. Insbesondere, wenn der eigentlich gesperrte Stürmer Folarin Balogun in dem Spiel gegen Belgien auch noch ein oder mehrere Tore schießen sollte. Viele Experten hielten Baloguns Platzverweis für überzogen. Darüber wurde auch in den USA breit diskutiert. Doch anstatt die Regeln von eigentlich unabhängigen Instanzen zu achten, hat das Weiße Haus laut Medienberichten auch noch ein Heer von Anwälten mobilisiert, um in der Angelegenheit zu intervenieren. Hinter diesem Vorgehen stecken demnach Handelsminister Howard Lutnick und Andrew Giuliani, der Sohn des früheren New Yorker Bürgermeisters Rudy Giuliani . Trump hat ihn als Chef einer sogenannten Fifa-Taskforce eingesetzt. Dazu kam dann noch Trumps Anruf bei Infantino. Man stelle sich vor, Friedrich Merz hätte nach der deutschen Niederlage keinen verunglückten Tweet absetzen lassen, sondern bei Gianni Infantino angerufen, weil das Tor von Jonathan Tah gegen Paraguay nicht gegeben wurde. Die Fifa hätte dann im Anschluss das Tor doch gegeben und hätte dann auf eine angeblich unabhängige Entscheidung verwiesen. Die Welt fragt: Kann dieser WM noch vertraut werden? Weltweit hat nun eine Debatte um die Integrität des Wettbewerbs begonnen. Weil Trump seine Minister einschaltet, er persönlich beim Fifa-Chef anruft, und sich dann auch noch öffentlich mit einem Beitrag auf seiner Social-Media-Plattform geradezu dafür brüstet. "Vielen Dank an die Fifa, dass sie das Richtige getan und ein großes Unrecht wiedergutgemacht hat", schrieb der Präsident auf Truth Social . Dass die Reaktionen aus Europa so scharf ausfielen, überrascht deshalb kaum. Der belgische Verband sprach von einem Angriff auf die Grundprinzipien des Fair Play. Die Uefa nannte die Entscheidung in einer deutlichen Stellungnahme "unverständlich" und "nicht zu rechtfertigen". Auch Norwegens Nationaltrainer Ståle Solbakken sagte, diese Entscheidung der Fifa sei "schlecht, schlecht, schlecht". Sollte die US-Mannschaft gewinnen, werde dieser Makel immer mitschwingen. Bemerkenswert an diesem Vorgang ist, dass jetzt auch die Sportwelt und damit Milliarden Menschen auf der Welt einmal mehr erfahren, wie Trumps Politikverständnis ist. Der Anruf bei Infantino folgt schlicht demselben Muster, das sich durch Trumps gesamte politische Karriere zieht: Institutionen werden nicht als neutrale Schiedsrichter verstanden, sondern als Akteure, die sich mit Druck und Erpressung bewegen lassen. Regeln sind bei Trump schlicht Verhandlungsmasse, wenn das gewünschte Ergebnis noch nicht erreicht ist. Mal trifft es Wahlbehörden, Gerichte oder Parteikonkurrenten oder eben jetzt die Fifa. Entscheidend ist aus Trumps Sicht dabei nicht nur, dass Amerika gewinnt. Entscheidend ist, dass sein Amerika gewinnt. So wie er das 250. Jubiläum der USA zu seinem Jubiläum machte, so ist es auch seine Weltmeisterschaft. Bei einem Spiel des US-Teams war er noch nicht anwesend. Der Präsident möchte erst zum Finale erscheinen und sehr wahrscheinlich den Pokal selbst in den Händen halten.