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Wahl Sachsen-Anhalt: Sven Schulze gegen AfD – genial oder fahrlässig?

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Sven Schulze oder die AfD? Das ist die heikle Frage bei der Wahl in Sachsen-Anhalt. Schulze will unaufgeregt gegen die Aufregung der AfD bestehen. Doch es läuft nicht glatt. Der Mann, von dem nun viele hoffen, dass er die Demokratie in Sachsen-Anhalt und irgendwie auch in Deutschland rettet, steht vor einem Supermarkt in Magdeburg und trägt schwarze Sneaker mit einem großen gelben Smiley drauf. Recht flippig für einen 47 Jahre alten Ministerpräsidenten der CDU . Ist es eine politische Botschaft? Ein Wahlkampfstunt wie damals die Schuhe von Guido Westerwelle mit der "18", dem Wunschwahlergebnis der FDP ? Glücksschuhe für die letzten Wahlkampfwochen? "Nee", sagt Schulze an diesem Samstag im August am Wahlkampfstand. "Die fand ich einfach gut." Es ist eine Antwort, die viel verrät über Sven Schulze, über sein Selbstverständnis und seine Idee davon, wie er dieses Kunststück vollbringen will: bei der Wahl am 6. September zu verhindern, dass die rechtsextreme AfD das erste Mal ein Land regiert. Bloß nicht zu dick auftragen. Bloß nicht überdrehen. Bloß nicht zu viel versprechen. Ruhig, freundlich, solide, ohne Angst vor der Langeweile. So will Schulze die AfD besiegen. Die AfD der Superlative, bei der in diesem Wahlkampf alles übergroß ist: die Kritik am "System", die eigenen Versprechen, die wohlinszenierten Auftritte ihres dauerlächelnden Spitzenkandidaten und nicht zuletzt die Umfragewerte. Der nette Herr Schulze von nebenan gegen die Wut-Entertainer der AfD. Möglichst unaufgeregt gegen jene, die von der Aufregung leben. Ist das genial oder fahrlässig? Und, viel wichtiger: Funktioniert es? Ein verkorkster Start Um zu verstehen, mit welchen Problemen sich Sven Schulze in diesen Tagen herumschlägt, muss man kurz zurückblicken. In den November 2025 zum Beispiel, nach Halle an der Saale. Sven Schulze steht vor der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Es ist ein prächtiges Gebäude, das Weiße Haus von Halle wird es genannt, manchmal auch das Weise Haus. Wegen der Farbe an den Wänden und den schlauen Wissenschaftlern im Innern. An diesem Tag ist sogar der rote Teppich ausgerollt, Bundeskanzler Friedrich Merz kommt zu Besuch. Die Leopoldina-Präsidentin erwartet ihn mit dem Ministerpräsidenten und ein paar Ministern auf den Eingangsstufen. "Lasst euch nicht die Knöppe abreißen, der Haushalt in Berlin ist so defizitär ...", ulkt der Ministerpräsident. Alle lachen. Doch sie lachen nicht über einen Witz von Sven Schulze. Der ist da zwar schon seit Monaten Spitzenkandidat, aber kein Ministerpräsident. Das ist noch Reiner Haseloff , und der will es eigentlich auch bis zur Wahl bleiben. Er kann nicht loslassen. So ziemlich alle in der CDU halten das für falsch. Schulze müsse sich bekannt machen, und zwar, indem er als Ministerpräsident durchs Land fährt. Doch Haseloff bleibt stur, und Schulze lange nichts anderes übrig, als brav zu lächeln, wenn die Kameras auf Haseloff gerichtet sind und er selbst am Rand steht, hoffentlich gerade noch im Bild. Anfang Januar dann die Kehrtwende. Plötzlich heißt es, Schulze solle doch vorher übernehmen, statt Wirtschaftsminister nun Ministerpräsident sein. Haseloffs eifrige Beteuerungen, den Menschen etwas anderes versprochen zu haben – von denen will niemand mehr etwas wissen. Eine schlüssige Erklärung für die Volte gibt es nicht. Es ist schlicht Nervosität. In den Umfragen geht es nicht vorwärts, sondern sogar leicht zurück: 26 Prozent für die CDU sind es noch, 40 für die AfD. Die AfD schlachtet das gebrochene Versprechen genüsslich aus. Und Schulze bekommt die verlorene Zeit nicht zurück. Selbst heute, Monate später, kennen ihn nur 65 Prozent der Sachsen-Anhalter. Ein mieser Wert für einen Ministerpräsidenten, den auch sein AfD-Konkurrent erreicht, ganz ohne Amt. Der verkorkste Start, er hängt Schulze nach. Ein Foto, das eine Unschärfe aufdeckt Es ist inzwischen Mitte Juni in Sachsen-Anhalt, die CDU beschließt auf einem Parteitag in Dessau ihr Wahlprogramm. In der Halle drängen sich fast so viele Journalisten wie Delegierte. Endlich will Sven Schulze über Inhalte sprechen, über gute Schulen, mehr Polizisten, eine starke Wirtschaft und sichere Jobs. Doch auch das klappt nicht, und wieder kann er wenig dafür. Schon bevor Schulze in der Halle angekommen ist, hat er eine Kamera im Gesicht und wird auf dieses verflixte Foto angesprochen. Ein Foto, auf dem er nicht einmal zu sehen ist. Es zeigt den Fraktionschef Guido Heuer, wie er bei einer Veranstaltung etwas zu freundschaftlich mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund umgeht. Breites Lachen, Hand auf der Schulter, gemeinschaftliches Mikrofonhalten. Die Berichterstattung dominiert später nicht Schulzes Rede, in der er sich dem Wettbewerb verweigert, "übereinander herzuziehen", und sagt, die Leute würden bis zur Wahl schon merken, wer nur "eine Show" abziehe (in beiden Fällen gemeint: die AfD). Das verflixte Foto ist die Geschichte des Tages. Es bannt die Angst vieler, die CDU könne doch mit der AfD zusammenarbeiten, in ein Bild. Und es weist auf eine Unschärfe in Schulzes Wahlkampf hin. Folgen ihm seine Leute? Es ist einer der vielen Widersprüche in seiner Welt: Schulze kämpft gegen die AfD, ohne genau zu sagen, wofür er kämpft. Was ist seine realistische Machtoption? Was bekommen die Leute nach der Wahl von ihm? Er beantwortet das nicht, nicht beim Parteitag und auch nicht in den Monaten, die folgen. Mit ihm werde es "keinen Minister der AfD oder keine Ministerin der Linkspartei" geben, sagt Schulze in Dessau in die Mikrofone. Was zwar eine Antwort ist, aber keine auf die Frage, die ihm viele stellen. Die lautet: Von wem würde sich Schulze Stimmen borgen in einer Minderheitsregierung? Weil die CDU Koalitionen mit der AfD und der Linken ausschließt, wird er sehr wahrscheinlich keine eigene Mehrheit zusammenbekommen. Spätestens um Gesetze zu beschließen, wird er Stimmen von AfD oder Linken brauchen. Klicken Sie auf die Parteien, um so verschiedene Koalitionsoptionen auf Basis der aktuellen Umfragewerte zusammenzustellen, die ebenfalls auswählbar sind: Es ist simple Mathematik, Schulze aber will nicht rechnen. Zumindest nicht öffentlich. Das hat wohl einen simplen Grund. In der CDU Sachsen-Anhalt gibt es welche in der Landtagsfraktion, die schon vor Jahren das "Soziale mit dem Nationalen versöhnen" wollten, wie sie es nannten, sich also für Koalitionen mit der AfD öffnen. Und die keinesfalls irgendwas mit der Linken zu tun haben wollen. Anderen wiederum geht es so mit der AfD. In der Bevölkerung ist es genauso, Schulze wird darauf im Wahlkampf angesprochen, aus beiden Richtungen. Weil er sich nicht festlegt, kann er um alle werben. Jedenfalls bis zum Wahltag. Seine eigenen Leute muss er anschließend aber in eine Koalition führen, und die Fraktion gilt als aufmüpfig. Unter der Hand kursiert das Szenario, dass ihm möglicherweise ein paar untreu werden und einen AfD-Ministerpräsidenten mitwählen. Ob sie es wirklich tun? Ob es zur Mehrheit reichen würde? Alles unsicher. Schulze wird später sagen, er sehe die Gefahr nicht . Er wiederum klingt sehr sicher. Zu sicher? Der einsame Cowboy und die Wut Als der Parteitag vorbei ist, geht es für die CDU nicht aufwärts, so wie es üblich ist, weil alle Nachrichtensendungen und Zeitungen groß über Parteitage berichten. Es geht weiter abwärts. Bei 23 Prozent liegt die CDU Anfang Juli nur noch. Eine positive Dynamik, die Schlagzeilen erzeugt und sich selbst verstärken könnte? Gibt's nicht. Die Nervosität in der CDU wächst, und damit auch der Frust. Einige beschweren sich jetzt hinter vorgehaltener Hand über CDU-Abgeordnete, die lieber Urlaub machten als Wahlkampf. Die sich ausruhten, weil sie sicher über die Landesliste einzögen und in ihren Wahlkreisen ohnehin keine Chance sähen, das Direktmandat gegen die AfD zu gewinnen. Wozu also der Stress? Auch der Frust über Sven Schulze wächst. Bienenfleißig sei er zwar, das sagen alle. Dauernd unterwegs. Aber er spreche zu wenig mit seinen Parteifreunden, heißt es von mehreren in der CDU. Selbst mit den wichtigen Leuten, in den höchsten Gremien. Was die aktuellen Botschaften für den Wahlkampf seien, erfahre am ehesten, wer seine Auftritte bei Markus Lanz schaue, sagt jemand. Es klingt bitter. Wie ein einsamer Cowboy – so wirkt er jetzt auf manchen. Einige sind davon überrascht, hätten Schulze anders eingeschätzt. Und es gibt Erklärungen: Wahlkampf ist permanente Überforderung, der Druck ist gewaltig. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Kandidaten in ihre eigene Welt flüchten, in einen Wahlkampftunnel. Doch niemand gewinnt eine Wahl allein. Und Schulze muss nicht nur das. Er braucht seine Leute eben auch nach der Wahl noch. Plötzlich Widerstandskämpfer Sven Schulze krempelt die Ärmel hoch. Es ist Ende Juli und er schwitzt, es ist heiß auf der Bühne in Dessau, richtig heiß. Und Schulze? Steht im Feuer, metaphorisch gesprochen. Er tritt an diesem Abend zum dritten Mal mit Didi Hallervorden auf. Zum dritten Mal ist der Saal ausgebucht. Das liegt wohl auch daran, dass die Auftritte deutschlandweit Schlagzeilen machen. Anlass der Erregung ist ein Friedenslied, das Hallervorden singt. Darin kritisiert er den "Kriegsminister" Boris Pistorius und auch Kanzler Friedrich Merz, den er auffordert, doch lieber auf dem Mond zu kämpfen. Über die Leinwand im Hintergrund flackern Fotos der beiden, Fotos vom Krieg und auch von einem Banner mit der Aufschrift: "Stoppt den Völkermord in Gaza". Das Publikum applaudiert kräftig, einige johlen. Für den Entertainer Hallervorden, aber auch für den gewohnt knarzigen Schulze. Der distanziert sich zwar immer wieder von der Kritik an seinem Kanzler und an Israel . Aber die Veranstaltung heißt "Kunst braucht Freiheit", und er nutzt sie, sich plötzlich doch als Widerstandskämpfer zu inszenieren. Zumindest ein bisschen. Er wolle das "wichtigste Gut Meinungsfreiheit nicht einer Partei überlassen", sagt er. Also der AfD, das muss er nicht sagen. Und: "Wir haben uns das erstritten hier in Ostdeutschland." Er werde den "Rücken gerade machen", auch bei Gegenwind. Andere, die fielen um. "Ich werde hier stehen", verspricht er. "Ich werde jeden Tag meinen Weg weitergehen als Sven Schulze." Ein bisschen Risiko Die Widerstandspose kommt an bei den Leuten. Er setzt sie auch in anderer Sache ein. Wenige Tage zuvor hat Schulze mit seinen Ministerpräsidentenkollegen aus Sachsen und Thüringen ein Papier veröffentlicht, in dem sie gegen die unbeliebte Abschaffung der "Rente mit 63" protestieren. Auch das nutzt Schulze, um sich in den Gegenwind aus Berlin zu werfen , obwohl der Kompromiss schon im Papier angelegt ist. Abgestimmt mit dem Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Parteizentrale, ist beides nicht, weder das mit Hallervorden noch das mit der Rente . Glücklich sind sie in Berlin nicht, es gibt offene Kritik. Und auch seine Parteifreunde im Land überrascht Schulze mal wieder. Nicht nur deshalb ist das alles nicht ohne Risiko. Der Kampf für Meinungsfreiheit rührt an einen weiteren Widerspruch, der Schulzes Wahlkampf durchzieht: Er will nicht immer nur über die AfD sprechen, um sie nicht noch größer zu machen. Bei 41, mitunter 42 Prozent steht sie inzwischen. Schulze selbst will mit ihr, nach allem, was man weiß, wirklich nicht zusammenarbeiten, auch nicht ein bisschen. Doch im Wahlkampf kommt er oft gar nicht an ihr vorbei. Entweder, weil er ihr widersprechen muss – oder ihre Themen aufgreift, so wie bei der Meinungsfreiheit. Das ist der eine Widerspruch. Der andere Widerspruch geht noch tiefer, er rührt an den Kern seines Wahlkampfs: Kann sich jemand gleichzeitig als netter Herr Schulze von nebenan profilieren, der anders als die AfD eben nicht dauernd die Welt verspricht – und dann gleichzeitig so tun, als habe er die Macht, Sachsen-Anhalt vor allem Ungemütlichen aus Berlin zu beschützen? Schulze macht das eigentlich bewusst nicht bei jeder Gelegenheit, anders als die ebenfalls wahlkämpfende SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern. Also versucht er sich am Mittelweg: Kritik, aber keine grundsätzliche. Abgrenzung, aber keine Blockade. Und so gibt es welche in der CDU, die ihn nun zu unentschlossen finden: den irgendwie ein bisschen rebellischen Herrn Schulze von nebenan. Immer den Ball flach halten Jetzt im August steht Sven Schulze also mit seinen Smiley-Sneakern am Wahlkampfstand vor dem Supermarkt und wirbt in eigener Sache. Sonderlich viele kommen nicht vorbei, die Umfragen bleiben schlecht: 24 Prozent für die CDU, einige Tage später meldet ein Institut nur noch 22 Prozent. Die Leute aber sind freundlich zu dem "Jungen vom Dorf", wie Schulze sich gerne nennt. Oder, etwas förmlicher, wie heute: "Hallo, Sven Schulze, Ministerpräsident!" Er kann das gut, mit Leuten ins Gespräch kommen, zuhören. Mit einem jungen Mann in Halbhose spricht er über nichts anderes als übers Mountainbikefahren. Sie fachsimpeln über die besten Routen der Umgebung (in Magdeburg nämlich "ist Mist, macht überhaupt keinen Spaß", sagt Schulze). Über Politik verlieren beide kein Wort. Ein Flugblatt mit seinem Gesicht drauf drückt Schulze ihm trotzdem in die Hand: "Wünsch' dir was!" Ein anderer klagt, dass seiner Frau im Laden am Ende des Monats kein Geld zum Investieren übrigbleibe. Sie ist Floristin. "Die Steuern ...", sagt der Mann. "Absolut", sagt Schulze. Aber Schulze sagt auch, er könne nicht versprechen, dass sofort alles besser werde. Bei der Bürokratie, da wolle er den Mittelstand entlasten, das ja. "Aber nicht das ganze Land umwerfen." Wen der Mann wählen wird? Weiß er noch nicht. Irgendwann geht Sven Schulze zu einem Mann im 1.-FC-Magdeburg-Trikot, der auf die Straßenbahn wartet. Die Saison beginnt. "Viel Erfolg heute!", sagt Schulze. "Wie geht's aus dieses Jahr?" "Ich hoffe auf einen Mittelfeldplatz", antwortet der Mann. "Ich hoffe auf ein bisschen mehr", sagt Schulze. Der Mann zuckt mit den Schultern und sagt: "Immer den Ball flach halten." Sie verabschieden sich, beide scheinen irgendwie zufrieden. Den Ball flach halten, das macht Sven Schulze gerade hauptberuflich.






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