Erdbeben Essen: Wie hoch die Gefahr eines starken Bebens ist
Im Südwesten bebte die Erde mit Stärke 3,5. Für Essen zeichnen neue Gefahrenkarten und alte Messdaten ein überraschend differenziertes Bild. Ein Erdbeben der Stärke 3,5 hat am Donnerstag die Region um Worms und Mannheim erschüttert. Nach der inzwischen manuell überprüften Auswertung lag das Epizentrum bei Bobenheim-Roxheim. Der Erdbebenherd befand sich rund acht Kilometer tief, das Ereignis wurde als tektonisches Beben eingestuft. Das Beben lenkt den Blick auch nach Nordrhein-Westfalen. Denn starke Erdbeben sind dort keineswegs ausgeschlossen. Für Essen ist die Lage allerdings komplizierter, als ein Blick auf die alten deutschen Erdbebenzonen vermuten lässt. Die größere Gefahr liegt westlich von Essen Das Zentrum der natürlichen Erdbebengefährdung Nordrhein-Westfalens liegt nicht im Ruhrgebiet, sondern vor allem in der Niederrheinischen Bucht. Der Geologische Dienst NRW zählt sie zu den am stärksten durch Erdbeben gefährdeten Gebieten Mitteleuropas. Im weltweiten Vergleich sei die Gefährdung zwar gering bis moderat, starke Erdbeben könnten dort dennoch auftreten. Für Essen bedeutet das nicht, dass ein schweres natürliches Beben direkt unter der Stadt als wahrscheinlich gilt. Erschütterungen eines starken Bebens müssen allerdings nicht an der Grenze der eigentlichen Erdbebenregion enden. Das zeigte sich besonders deutlich am 13. April 1992. Damals bebte die Erde bei Roermond im deutsch-niederländischen Grenzgebiet mit einer Magnitude von 5,9. Der Herd lag rund 18 Kilometer tief. Mehr als 30 Menschen wurden allein in Nordrhein-Westfalen verletzt, auf deutscher Seite entstand ein Sachschaden von damals rund 150 Millionen D-Mark. Im Raum Heinsberg wurden mehr als 150 Häuser beschädigt. Wahrgenommen wurde das Beben sogar noch in Berlin, München und London. Nach Angaben des Geologischen Dienstes tritt ein Beben dieser Größenordnung in der Region im langfristigen statistischen Mittel etwa alle 150 Jahre auf. Daraus lässt sich jedoch kein Termin für das nächste Ereignis ableiten. Solche Beben können auch in deutlich kürzeren Abständen auftreten. Eine konkrete Vorhersage stärkerer Erdbeben ist bis heute nicht möglich. Auch für Essen selbst gibt es historische Messwerte Interessant wird der Blick in die Erdbebenkataloge. In einer auf Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe basierenden amtlichen Aufstellung findet sich für den 9. August 1974 ein Ereignis in der Region Essen mit Magnitude 3,1. Die Herdtiefe wird dort mit 13 Kilometern angegeben. Der Eintrag ist bemerkenswert, weil er deutlich über vielen anderen Erschütterungen liegt, die später im Ruhrgebiet aufgezeichnet wurden. Aus der historischen Tabelle allein lässt sich allerdings nicht sicher ableiten, welcher konkrete Mechanismus dieses Ereignis ausgelöst hat. Noch genauer werden die Daten Ende der 1990er-Jahre. Die Erdbebenstation Bensberg registrierte am 10. Juni 1999 bei Essen ein Ereignis der Magnitude 2,6. Die berechnete Herdtiefe lag bei etwa einem Kilometer. Am 7. Juli 1999 folgte ein weiteres Ereignis mit Magnitude 2,0 und ebenfalls rund einem Kilometer Tiefe. Im Ruhrgebiet ist nicht jedes Beben ein natürliches Erdbeben Diese geringe Tiefe führt zur zweiten Besonderheit der Region. Im Ruhrgebiet wurden über Jahrzehnte zahlreiche Erschütterungen registriert, die mit dem Steinkohlebergbau zusammenhingen. Der Geologische Dienst hat bei vergleichbaren Ereignissen im Ruhrgebiet Herdtiefen von etwa einem Kilometer als Hinweis auf bergbaulich induzierte Erdstöße gewertet. Natürliche tektonische Erdbeben entstehen typischerweise in wesentlich größeren Tiefen. Deshalb dürfen die bei Essen registrierten kleinen Erdstöße nicht einfach als Beweis für eine große natürliche Erdbebengefahr unter der Stadt gelesen werden. Messstationen im Ruhrgebiet unterscheiden gerade deshalb zwischen natürlicher und vom Bergbau beeinflusster Seismizität. Die Ruhr-Universität Bochum betreibt dafür bis heute eigene Stationsnetze. Auch die Bewertung der allgemeinen Gefahr hat sich verändert. Die ältere DIN 4149 teilte Deutschland noch in feste Erdbebenzonen ein. Diese Norm wurde 2011 zurückgezogen. Der heute fachlich aktuellere Eurocode arbeitet stattdessen mit standortabhängigen Werten der erwartbaren Bodenbewegung. Eine scharfe Grenze zwischen einer vermeintlich sicheren und einer gefährdeten Zone gibt es in dieser Darstellung nicht mehr.
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