Die Junge Union sieht die CDU in einer tiefen Krise. An Kanzler Friedrich Merz hat sie eine klare Erwartung – damit es nicht wieder eskaliert wie im vergangenen Jahr. Man kann der Jungen Union nicht vorwerfen, ihre Erwartungen an den Kanzler nicht deutlich zu formulieren. Schön wären "Antworten auf Zukunftsfragen", sagt Johannes Winkel, der Chef der Jugendorganisation von CDU und CSU . Die Antworten der letzten Zeit seien "nicht ausreichend" gewesen und hätten "viele Parteimitglieder nicht zufriedengestellt". Die Partei? "Ist in einer schwierigen Situation", sagt Winkel auf einer Pressekonferenz. Die Stimmung bei vielen? "Resignation." Es ist harte Kritik, einerseits. Beim Deutschlandtag der Jungen Union verbindet Winkel sie aber mit einem Angebot. Man wolle "inhaltlicher Motor sein", sagt er. Ein "Zeichen des Aufbruchs", das wünscht er sich, eben auch von Friedrich Merz . "Ich will, dass die Partei aus dieser Resignation rauskommt." Die Jungen zeigen sich bei ihrem Parteitag in Bonn selbstbewusst, trotzig fast. Wenn Friedrich Merz hier am Samstag auftritt, sollte er sich mal wieder auf etwas gefasst machen. Denn so, da sind sie sich hier einig, geht es für die Union nicht weiter. "Das kann doch nicht euer Ernst sein!" Friedrich Merz und die Junge Union , das ist eine wechselvolle Geschichte. Eine Geschichte von großer Euphorie und großer Enttäuschung. Es waren die Jungen, die Merz bei seinen drei Anläufen unterstützten, die er brauchte, um Parteivorsitzender zu werden. Und die ihn im Wahlkampf frenetisch unterstützten. Sie haben einen bedeutenden Anteil daran, dass Friedrich Merz nun Bundeskanzler ist. Spätestens beim Deutschlandtag im vergangenen Jahr aber ist etwas zerbrochen. Es war die Zeit des ersten großen Rentenstreits in der schwarz-roten Koalition. Deutschland lernte, was eine "Haltelinie" ist . Beim Deutschlandtag im Europa-Park Rust eskalierte die Sache. "Glaubt jemand ernsthaft" rief Merz der JU zu, "dass wir einen Unterbietungswettkampf gewinnen, wer das niedrigste Rentenniveau anbietet? Das kann doch nicht euer Ernst sein!" Kam nicht so gut an. Oder wie Johannes Winkel dieses Jahr sagt: "Die hat nicht allen Delegierten so richtig super gefallen." Noch immer Ärger mit der Rente In diesem Jahr ist es wieder (oder besser: noch immer) die Rente , über die die Koalition streitet. Nachdem die Junge Union ihren Kampf um die Haltelinie verloren hat, will sie nun den Kampf um das Rentenpaket gewinnen, das mit Pascal Reddig einer von ihnen maßgeblich mitverhandelt hat. Ein Erfolg, den man hier für sich reklamiert. Winkel sagt: "Es hätte keine Rentenkommission gegeben, wenn der letzte Deutschlandtag nicht stattgefunden hätte, ganz einfach." Entsprechend groß ist die Bereitschaft, für das Rentenpaket in den Konflikt zu gehen, auch mit Merz. Die "Rente mit 63"? Muss weg, sagen sie hier, auch wenn die SPD das nicht will. Das müsse umgesetzt werden, sagt Winkel. Das sei ein "ganz wesentlicher Pfeiler". Sie sei ungerecht und sowieso gebe es Ausnahmen für diejenigen, die nicht mehr können. Er verstehe die Rebellion der SPD deshalb nicht. Wenn das Paket nicht umgesetzt wird? "Dann wäre das eine Katastrophe", sagt Winkel. "Dann wäre das auch ein Scheitern, von dem sich die Bundesregierung kaum noch erholen kann." Impulsgeber für die Union Doch es ist eben nicht mehr nur die Rente. Die Junge Union will Impulsgeber sein für die Union, das ist der Anspruch. Sie will die Ideen liefern, die im Konrad-Adenauer-Haus niemand liefert. Das Papier nach der CDU-Präsidiumsklausur vergangene Woche? Halten sie hier eher für einen schlechten Witz. Die Union trage zu oft Glaubenssätze vor sich her, ließe aber offen, welche Politik daraus folge. So sehen sie es hier in Bonn. Eine Angst sich auf Positionen festzulegen, diagnostizieren einige, um bloß niemanden zu verschrecken. Die Kritik ähnelt interessanterweise der, die Johannes Winkel schon 2021 formuliert hat, damals als Kritik an der Ära Angela Merkels. "Wofür stand denn die Union in den letzten 16 Jahren?", rief Winkel damals der Jungen Union in Münster zu. "Niemandem auf die Füße treten, keine Angriffsfläche bieten und jeden sich auch nur andeutenden politischen Konflikt mit Steuergeld zuschütten." Diese Strategie, diese asymmetrische Demobilisierung habe die Union "systematisch destabilisiert und entkernt". Und jetzt, welch Ironie, trifft Merz die gleiche Kritik wie Merkel. Das hatte wohl auch niemand auf dem Zettel. Politik, als wenn 2010 wäre Die Junge Union will, dass die Union endlich ihre inhaltlichen Lücken schließt. Sich festlegt, um nicht beliebig zu sein. Nicht bedeutungslos zu werden. Das schließt für die Führungsriege ein, auch althergebrachte Positionen der Union nicht nur zu hinterfragen, sondern hinter sich zu lassen. In der Steuerpolitik etwa oder bei liebgewonnenen Subventionen. "Die CDU macht immer noch Politik, als wenn wir im Jahr 2010 wären", sagt Johannes Winkel. Das Land habe sich grundlegend geändert, nur die Politik nicht. Friedrich Merz wird am Samstag zeigen müssen, dass er bereit ist, daran etwas zu ändern. Sich zu ändern. Die Junge Gruppe in der Bundestagsfraktion ist ein Machtfaktor, 18 Abgeordnete zählt sie. Schwarz-Rot aber hat nur eine Mehrheit von 12 Stimmen im Bundestag. Besser mit ihnen als gegen sie, kann da eigentlich nur der Schluss sein. Immerhin ist es noch nicht lange her, dass in der Union über einen Kanzlersturz diskutiert wurde. Mittlerweile hat sich zwar auch hier bei vielen die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Sturz ohne realistische Alternative keinen Sinn ergibt. Aber es ist der Kopf, der da bei vielen spricht. Ihr Herz hat er verloren.