Von 2011 bis 2025 ist Ralf Fährmann eines der Gesichter von Schalke 04. In seiner Biografie arbeitet er die turbulente Zeit auf. Im Gespräch mit t-online erklärt er, warum der heutige Fußball nicht mehr ehrlich ist. Schon Wochen vor der Veröffentlichung seiner Biografie "Schalke und ich – eine Liebesgeschichte" gab es reichlich Wirbel um das neue Buch von Ex-Schalke Kapitän Ralf Fährmann . Die "Bild"-Zeitung druckte vorab Auszüge, in denen der langjährige Bundesliga-Profi die damaligen Zustände bei den Gelsenkirchenern beschreibt und persönlich bewertet. Fährmann wird von Ex-Kollegen und Medien teilweise heftig kritisiert, ihm wird ein persönlicher Rachefeldzug vorgeworfen. Viele Fans hingegen sind von diesem offenen Einblick in die Schalker Chaos-Jahre mit zwei Bundesliga-Abstiegen, dem Fast-Absturz in die 3. Liga und zahlreichen Trainer- und Sportchefwechseln begeistert. "Er ist nicht belehrbar" : Streit mit Guardiola – Müller-Wohlfahrt packt aus Bayern in der Herbstkrise: Hoeneß hat es schon kommen sehen Im Interview mit t-online erzählt Ralf Fährmann, wie er die ganze Aufregung wahrgenommen hat, was er mit dem Buch eigentlich bezwecken möchte und wie es um ein mögliches Abschiedsspiel steht. t-online: Herr Fährmann, wollen Sie eines Tages wieder im Profi-Fußball arbeiten? Ralf Fährmann: Ja, das möchte ich. In welcher Rolle? Ich kann mir vorstellen, in Zukunft als Einzeltrainer oder in beratender Tätigkeit mit Torhütern zu arbeiten und mache das teilweise auch schon. Die Arbeit als TV-Experte als eine Art Verteidiger der Torhüter ist für mich aber auch gut vorstellbar. In Ihrem Buch schreiben Sie: "90 Prozent aller Menschen im Profi-Fußball haben keine Ahnung vom Torwartspiel." Die 90 Prozent sind vielleicht sogar noch untertrieben ( lacht ). Wenn du selbst nie Torwart warst, ist es schwierig, den Torhüter zu verstehen, zu analysieren und zu bewerten. Glauben Sie, Ihr Buch und der Wirbel darum hat Ihnen eher Türen geöffnet oder verschlossen? Das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber das ist mir egal. Ich bin mit dem Buch vollkommen im Reinen. Das Wichtigste ist, dass man sich immer selbst im Spiegel anschauen kann. Und da gehe ich lieber den härteren, aber ehrlichen Weg, als dass ich irgendwas verschweige und mir auf die Zunge beiße. Manche mögen mich, manche nicht, aber ich sage einfach immer, was ich denke. Das machen Sie in Ihrer Biografie auch mit der Bewertung sämtlicher Trainer und Sportchefs während Ihrer Zeit auf Schalke deutlich. Für vorab gedruckte Passagen gab es viel Kritik. Ich finde, wenn man das gesamte Buch liest, ist das nicht wirklich hart, sondern ausgewogen und fair. Zudem beinhaltet es auch wahnsinnig viele schöne Momente und ich nehme mich teilweise auch selbst auf die Schippe. Es ist einfach komplett authentisch und ehrlich. Ist der heutige Profi-Fußball nicht mehr ehrlich? Ich habe das Gefühl, es wird immer weniger. Warum? Einerseits wird die Medienlandschaft immer brutaler. Andererseits wird der heutige Fußball-Profi immer glatt polierter und lieber. Ich finde es schade, dass fast niemand mehr wirklich seine Meinung sagt. Die Interviews nach Spielende kann man sich gar nicht mehr anhören, weil immer nur das Gleiche gesagt wird. Aber hinter jedem Spieler steckt eine eigene Geschichte und ein eigener Charakter und das sollte man doch auch zeigen. Sie beschreiben, dass Sie während Ihrer Karriere zwei Persönlichkeiten hatten: der nette Privatmensch und "der Wichser" auf dem Platz. Ich glaube, jeder Torhüter hat so etwas Verrücktes an sich einfach. Du musst auch verrückt sein, um im leistungsorientierten Fußball weiterzukommen und da hat jeder zwei Gesichter. Ich bin jetzt froh, dass ich ein bisschen ruhiger geworden bin. Wie wurde der Umschwung Ihrer Persönlichkeit von den Mitspielern gesehen? Wenn man auf das Spielfeld geht, muss man sich auf den anderen verlassen können. Und da bin ich nicht der Einzige, der so switchen kann. Denn jede Woche vor 60.000 Menschen zu spielen, macht etwas mit einem. Und genau das wollte ich mit der Aussage aufzeigen: Wie denken Profi-Fußballer und was geht bei ihnen im Kopf ab? Haben Sie dafür auch mit einem Mentalcoach zusammengearbeitet? Ich glaube, jeder Spitzensportler, der alles aus sich rausholen will, arbeitet mit einem Mentalcoach zusammen. Man lernt einfach, wie man mit Konzentration, Niederschlägen und Druck umgeht. Das hilft, um eine gewisse Balance in sich selbst zu finden. Vor 20 Jahren war das noch verpönt, aber jetzt ist es völlig normal. Braucht es noch einmal fünf Prozent Extra-Verrücktheit, um am Ende bei einem so emotionalen Klub wie Schalke bestehen zu können? Das weiß ich nicht. Man merkt einfach sehr schnell, dass es ein besonderer Verein ist, bei dem viel Druck herrscht und man als Spieler viel Verantwortung hat. Schalke ist ein 24/7-Job, der dich nicht loslässt. Das zeigen auch die Beispiele an Ex-Spielern, die im Nachhinein sagen, dass Schalke die emotionalste Zeit ihrer Karriere war. Sie haben geschrieben, dass Sie diesen Druck brauchten und meinten: "Im Grunde arbeitest du nur für die fünf Minuten nach Spielschluss, wenn alles abfällt." Ich lag mir häufig nach dem Spiel mit Simon Terodde im Arm und wir haben gesagt: "Jetzt haben wir wieder unsere fünf Minuten, wo wir es genießen können, und dann geht es wieder von vorn los." Ein Arzt hat mir mal gesagt, dass dieses Adrenalin, das einem durch den Körper schießt, mit einem Drogenrausch zu vergleichen ist. Wie gehen Sie jetzt im Karriereende mit diesem "Entzug" um? Ich habe keine Entzugserscheinungen oder zittrige Hände ( lacht ). Am Anfang vermisst man das natürlich, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Sie waren bei Schalke jahrelang der Nummer eins und Kapitän, wurden von verschiedenen Trainern aber auch immer wieder zur Nummer zwei oder drei degradiert. Am Ende durften Sie dann gar nicht mehr mit der ersten Mannschaft trainieren. Wie lässt sich so etwas psychologisch verarbeiten? Gar nicht. Ich habe auf Schalke so viel erlebt und gesehen. Ich hatte wunderschöne Zeiten, aber auch sehr harte. Und das Verrückte ist ja, dass ich Schalke so verbunden bin, dass es eine Liebesgeschichte für mich ist. Und dazu gehören die freudigen Momente, aber auch die Enttäuschungen. Ich gebe im Buch einen Einblick in meine Gedanken, wie man es vorher vielleicht noch nicht mitbekommen hat. Man ist immer Spieler XY, aber hinter jedem Spieler steckt auch ein normaler Mensch. Sie berichten, erste Anzeichen einer Depression gehabt zu haben, als es Ende 2024 zur juristischen Auseinandersetzung mit Schalke rund um Ihren Vertrag kam. Ich wollte eine Biografie schreiben, die authentisch und ehrlich ist. Man kann mir in die Seele und meine Gefühlswelt schauen. Ich wollte keinen weiteren Wikipedia-Eintrag schreiben, sondern zeigen, wie es hinter dem Vorhang aussieht. Da gehören diese Momente dazu. Ein Streitpunkt dabei war Ihr Abschiedsspiel. Als Schalke 50 Prozent der Einnahmen davon forderte, haben Sie das Gespräch mit Vorstandsboss Tillmann beendet. Wie hart hat Sie das getroffen? Natürlich hat man sich den Abschied anders vorgestellt. Aber ich habe die Situation so angenommen. Ich habe so viele schöne Momente gesammelt, die im Herzen bleiben. Und ein Spiel mehr machen die Erinnerungen auch nicht besser oder schlechter. Bekommen Sie eines Tages noch ihr Abschiedsspiel? Ich glaube nicht – zumindest nicht unter den momentan handelnden Personen. Aber das ist auch nicht schlimm. Wenn ich das nächste Mal auf Schalke bin, werde ich mir ein Bier und eine Currywurst gönnen, die Augen schließen und dann wird das Feeling auch wieder aufkommen. Sie sind nach dem Karriereende in die Schweiz gezogen. Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Rückkehr? Ich brauchte zunächst den Abstand, aber es zuckt immer wieder, dass ich die Spiele gern im Stadion verfolgen würde. Ich sitze immer schweißgebadet vor dem Fernseher und verfolge die Spiele. Ich glaube, bald wird der richtige Moment kommen und dann freue ich mich darauf. Wie bewerten Sie die aktuelle Phase? Ich freue mich riesig. Ich finde es beeindruckend, wie Trainer Miron Muslić seine Einzigartigkeit auch mit in die Bundesliga bringt. Er steht für etwas und hat eine Marke geschaffen. Die Qualität der Mannschaft ist nicht so gut, aber er hat die Spieler weiterentwickelt und besser gemacht. Gemeinsam mit Sportchef Frank Baumann, der im Hintergrund ganz ruhig arbeitet, ist ein phänomenaler Start in die Bundesliga. Ich finde, dass man teilweise sogar zu selbstkritisch ist.