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Schlachthöfe: Bundestag beschließt Kamerapflicht | Tagesanbruch

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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, jeden Tag berichten Medien über notleidende Menschen: Krieg, Flucht, Hunger, Katastrophen. Die Berichte sind richtig und notwendig. Es gibt aber ein Leid, das in dieser täglichen Chronik kaum vorkommt, weil es keine Stimme hat, die wir verstehen. Viele Tiere leiden unermesslich, jeden Tag. Nicht irgendwo in der Ferne, sondern hier im schönen Deutschland, oft nur wenige Kilometer vom nächsten Kühlregal entfernt. Sie leiden nicht nur, weil Fressen und Gefressenwerden nun einmal der Lauf der Natur ist. Sondern auch, weil der Mensch Nutztiere systematisch missbraucht und im wahrsten Sinne des Wortes ausschlachtet, um seine Bedürfnisse zu stillen. Dieser Text maßt sich kein Urteil an, ob man Tiere essen darf oder nicht. Das muss jeder Mensch für sich entscheiden. Verurteilen lässt sich aber sehr wohl, wie die menschliche Nahrungsmittelindustrie mit den Lebewesen umgeht, die sie in Millionenzahl tötet, um den Fleischhunger einer Gesellschaft zu stillen. Auf dem Papier klingt der Ablauf geordnet: Rinder werden in eine "Fixierbox" getrieben und per Bolzenschuss betäubt, Schweine meist mit Kohlendioxid. Dann werden die Kadaver an Ketten aufgehängt, damit sie ausbluten, Schweine kommen ins Brühbad . Viele Betriebe arbeiten dabei sorgfältig. Andere nicht. Selbst die CO2-Betäubung, Standard für die meisten Schweine, beschreiben Fachleute als qualvolles Ersticken. Und oft misslingt sie: Nach Angaben der Bundesregierung, auf die sich Tierschützer berufen, sind je nach Methode bis zu 12 Prozent der Schweine und bis zu 9 Prozent der Rinder unzureichend betäubt, wenn kalter Stahl ihre Kehle durchtrennt. Hinter jedem Prozentpunkt stehen Tiere, die ihr eigenes Sterben qualvoll miterleben. Was versteckte Kameras zutage förderten, sprengt jede Statistik. 2018 zeigte "Stern TV" Aufnahmen der Soko Tierschutz aus einem Schlachthof, in dem Rinder unzureichend betäubt an Haken gehängt und mit Elektroschocks an empfindlichen Stellen gequält wurden. 2024 veröffentlichte die Organisation Aninova Bilder aus Elsfleth in der Wesermarsch: Rinder und Schafe, teils mehr als hundertmal mit Elektrotreibern geschockt, getreten, geschlagen, mit Mistgabeln misshandelt, vor der Tötung nicht ausreichend betäubt. Das Veterinäramt schloss den Betrieb, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch die Quälerei geht weiter. Vor wenigen Tagen haben geheime Aufnahmen der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch im Tönnies-Schlachthof im schleswig-holsteinischen Kellinghusen bundesweit Empörung ausgelöst . Sie zeigen Schweine, denen mit Treibpaddeln ins Gesicht geschlagen wird. Denen vor der Tötung ein Fuß abgeschnitten wird. Die während der Gasbetäubung in einem Verschlag nach Luft japsen, schreien, verzweifelt um sich treten. In anderen Betrieben ist der Treibgang der Ort, an dem die tierische Panik ihren Gipfel erreicht. Die Tiere riechen das Blut, hören die Sägen, spüren die Furcht der Artgenossen. Sie stocken, drängen rückwärts, brechen zusammen – und werden mit Stromstößen weitergetrieben. Ausgeführt wird die schmutzige Arbeit meistens von Ausländern, angeheuert von Subunternehmern, vor allem aus Osteuropa. Der Verband der Fleischwirtschaft sagte selbst, für viele manuelle Arbeiten fänden sich auf dem deutschen Markt keine Arbeitskräfte. Erst der Corona-Ausbruch bei Tönnies im Jahr 2020 zeigte der Republik, unter welchen Bedingungen diese Menschen lebten; seit 2021 sind Werkverträge im Kerngeschäft verboten. Eine Gesellschaft aber, die das Töten an die Schwächsten auslagert und dann nicht hinsieht, darf sich nicht wundern, wenn hinter den Mauern weiter die Hölle herrscht. Eine Hölle für Tiere. Zumal der Tierschutz hierzulande nur im Schneckentempo vorankommt. Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen forderten Kameras in Schlachthöfen schon 2019 im Bundesrat. Erst sieben Jahre später, am heutigen Donnerstag, soll der Bundestag die Videoüberwachung endlich beschließen. Ein überfälliger, dringender Schritt. Geht das Gesetz durchs Parlament, müssen große Betriebe künftig die "tierschutzsensiblen Stationen" filmen – vom Entladen der Tiere über das Warten, Treiben und Betäuben bis zum Entblutungsschnitt und dem Brühen. Die Aufnahmen der letzten 30 Schlachttage sind den Behörden arbeitstäglich bereitzustellen; diese sichten sie stichprobenartig und bei Anlass. Das Gesetz soll am 1. Januar in Kraft treten, die Betriebe haben dann ein Jahr Zeit für die Umsetzung. Sicher ersetzen Kameras kein Gewissen. Aber sie nehmen der Grausamkeit ihren wichtigsten Verbündeten: die Gewissheit, dass niemand zusieht. Trotzdem hat das Gesetz einen blinden Fleck: Es gilt nur für Betriebe, die jährlich mindestens 1.000 Rinder, 5.000 Schweine oder 150.000 Stück Geflügel schlachten. Kleinere Unternehmen müssen nur filmen, wenn Behörden es in Verdachtsfällen anordnen. In Niedersachsen betrifft die Pflicht daher nur 36 von rund 220 Schlachtbetrieben. Ökonomisch ist das nachvollziehbar: Kameras und Auswertung kosten Geld, das handwerkliche Schlachtereien schwerer aufbringen. Moralisch ist es nicht. Eine Kuh empfindet in einem kleinen Schlachthaus dieselbe Angst wie in einem großen. Die Tierschutzstiftung Vier Pfoten verweist darauf, dass Verstöße auch in kleinen und mittleren Betrieben dokumentiert wurden. Selbst der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft nennt die Ausnahme nicht nachvollziehbar. Wenn sogar die Schlachtbranche mehr Kontrolle fordert als die Politik, sollte das den Abgeordneten zu denken geben. Nachbessern ist möglich, wenn der Druck groß genug wird. Gesetze verändern sich, wenn Bürger sich zu Wort melden, ihren Abgeordneten schreiben, nachfragen, nicht lockerlassen. Die Tiere können das nicht. Sie können nur schreien, und niemand im Plenarsaal hört sie. Es wäre zu wünschen, dass künftig mehr Menschen ihre Stimme für sie erheben. Wie eine Gesellschaft mit denen umgeht, die sich nicht wehren können, sagt am Ende mehr über die Menschen als über die Tiere. BUNDESTAG Führerschein-Reform Ein weiteres Streitthema wird heute im Bundestag entschieden. Bei durchschnittlich 3.400 Euro liegen derzeit die Kosten für einen klassischen Pkw-Führerschein der Klasse B. Sehr hoch. Die Bundesregierung will den Erwerb der Fahrerlaubnis um bis zu 1.000 Euro günstiger machen und setzt dafür auf mehr digitalen Theorieunterricht, weniger Bürokratie, private Übungsfahrten mit den Eltern und Änderungen bei der praktischen und theoretischen Prüfung. Der Gesetzentwurf, in dem Grüne, Linke und die Fahrlehrerbranche eine Gefahr für Ausbildungsqualität und Verkehrssicherheit sehen, steht heute im Parlament zur Abstimmung. Außerdem debattiert das Parlament zum ersten Mal über die Regierungspläne zur kurzfristigen Stabilisierung der Pflegekassen. Das Pflegeneuordnungsgesetz beinhaltet dabei vor allem Sparmaßnahmen. So soll der Beitragszuschlag für Kinderlose steigen und ein Zuschlag für bislang beitragsfrei mitversicherte Ehepartner eingeführt werden; die Schwellen für die Pflegegrade werden heraufgesetzt. Eine tiefgreifendere Reform will Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) erst im kommenden Jahr auf den Weg bringen. FREIE WÄHLER Hubert Aiwanger ist tot Hubert Aiwanger galt als streitlustiger Politiker. Nun ist Bayerns Wirtschaftsminister und Vizeregierungschef tot. Nach t-online-Informationen hätte der 55-Jährige am Mittwoch bei der Eröffnung des Berliner Büros der Freien Wähler, deren Bundes- und Landesvorsitzender er war, eine Rede halten sollen. Er habe sich aber aus gesundheitlichen Gründen abgemeldet und vertreten lassen. Später sei er dann nicht mehr erreichbar gewesen und schließlich leblos in einem Hotelzimmer entdeckt worden . Die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigte den Tod Aiwangers am Mittwochabend und kündigte Ermittlungen an. Aus der Politik gab es zahlreiche Beileidsbekundungen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) würdigte Aiwanger als "streitbaren Politiker, für den seine bayerische Heimat immer im Mittelpunkt stand". Auch die bayerische Landespolitik stand unter Schock. "Der plötzliche Tod von Hubert Aiwanger ist eine absolute Tragödie", schrieb unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). FRANKREICH Gewerkschaften im Generalstreik Die Sozialproteste in Frankreich ebben nicht ab. Zwar verliefen die Demonstrationen am vergangenen Wochenende dank massiver Polizeipräsenz und Ausgangssperren nicht so gewalttätig wie am berüchtigten 17. Oktober. Doch am Unmut vieler Bürger über Missstände im Bildungswesen und hohe Lebenshaltungskosten hat sich nichts geändert. So blieben am Dienstag mehrere Universitäten geschlossen, Schüler blockierten nach Behördenangaben 48 Oberschulen. Zusagen von Premierminister Sébastien Lecornu, das umstrittene Bewerbungsverfahren für Hochschulen zu reformieren, 500 zusätzliche Lehrerstellen und 15.000 Hochschul- und Ausbildungsplätze zu schaffen, werden als unzureichend angesehen. Für heute haben zahlreiche Gewerkschaftsverbände zum Generalstreik aufgerufen. Sie fordern von der Regierung neben mehr Geld für Schulen und öffentliche Dienstleistungen eine Heraufsetzung des Mindestlohns und an die Inflation angepasste Gehälter. Geplant sind Demonstrationen in allen Großstädten des Landes, außerdem Arbeitsniederlegungen im öffentlichen Dienst und in Teilen der Privatwirtschaft. Nimmt man hinzu, dass auch die Gelbwesten-Bewegung weiterwirbelt, während die Staatsverschuldung auf Rekordhöhe gestiegen ist , ergibt sich eine explosive Gemengelage. Für Präsident Emmanuel Macron werden die letzten Meter seiner Amtszeit richtig heikel. Lesetipps Junge Menschen protestieren, weil sie sich von der Politik vernachlässigt fühlen. Gleichzeitig fällt die nächste Rentenerhöhung üppiger aus, als sie eigentlich dürfte. Ein Ungleichgewicht, das beseitigt gehört, findet meine Kollegin Christine Holthoff. Artikel lesen Donald Trumps Republikaner erleiden bei den Zwischenwahlen in den USA ein Fiasko. Europäische Regierungen atmen auf – doch das Ergebnis birgt neue Gefahren, schreibt mein Kollege Patrick Diekmann. Artikel lesen Die US-Demokraten verdanken ihren Wahlsieg zu einem Gutteil neuen Auftritten in Social Media. Welche Blüten das treibt, zeigt Ihnen unsere Kolumnistin Nicole Diekmann. Artikel lesen Welthandel und globale Lieferketten haben der Menschheit große Fortschritte gebracht, weisen aber gravierende Schattenseiten auf. Der preisgekrönte Wirtschaftsjournalist Ed Conway hat ergründet, wie das komplexe System funktioniert, und erklärt im Gespräch mit meinem Kollegen Marc von Lüpke, wo die Schwachstellen liegen. Artikel lesen Zum Schluss Ich wünsche Ihnen trotzdem einen fantasievollen Tag. Bei der Auslieferung des "Tagesanbruch"-Newsletters an Adressen von t-online kann es derzeit zu Verzögerungen kommen. Wir bitten alle Betroffenen um Nachsicht, unsere Technikkollegen arbeiten an einer Lösung. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Claude (Anthropic).




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