„Baut die Pyramide!“
Liebe Tennisreunde!
Gratulation, liebe Tennisredaktion! Seit Jahren hat endlich mal jemand die Wahrheit aufgezeigt! (Anmerkung der Redaktion: Feedback zum Beiträg »Endstation. Bitte aussteigen.«) Es ist richtig: Die Endstation im deutschen Leistungstennis ist erreicht! Aber ganz ehrlich: Befinden wir uns nicht schon seit Jahrzehnten irgendwie auf dem Abstellgleis und haben wir es nicht sträflich versäumt, in der so erfolgreichen Zeit einer Steffi Graf sowie eines Boris Becker, Michael Stich, Michael Westphal, Eric Jelen, Patrik Kühnen, Udo Riglewski, Christian Sacaenu und so vielen mehr, die richtigen Weichen zu stellen und weitere Toptrainer wie Niki Pilic, Pavel Slozil, Karl Meiler, Ion Tiriac oder Bob Brett in Deutschland zu engagieren?!
Diese und noch einige Toptrainer mehr hat man teilweise so verärgert, dass diese wieder abgewandert sind und durch mittelmäßig qualifizierte Kollegen ersetzt wurden. Auch hat man es nicht verstanden, den unerwarteten Geldsegen im Deutschen Tennis Bund in die richtigen Kanäle zu lenken. Private Tenniscenter und Hallen schossen wie Pilze aus dem Boden und waren letzten Endes auch die Leidtragenden ob des dilettantischen Handelns des mitgliederstärksten Tennisverbandes der Welt.
Warum hat man bis heute nicht die notwendige »Pyramide« geschaffen, bestehend aus einem gemeinsamen Fundament der Landesverbände mit Übergang zu einem leistungsbezogenen Föderalismus? Aber auch Wirtschaft und Medien haben meines Erachtens ein Stückweit versagt und so für ein großes flächendeckendes Desinteresse am Tennissport gesorgt. Motivationsspritzen durch positive Berichterstattung anlässlich der Grand-Slam-Erfolge von Angelique Kerber oder der vereinzelten Erfolge der deutschen Nachwuchsakteure – geschweige denn eine positive Berichterstattung über die deutsche Tennis-Bundesliga vermisse ich bis heute.
Nächste Frage: wo sind unsere Grafs und Beckers, die die Ärmel aufkrempeln und den jungen Talenten Hilfe und Motivation schenken? Wo sind die Coaches, die – wie Karl Meiler seinerzeit mit Schützling Carl-Uwe Steeb – ambitionierte Juniorinnen und Junioren motivieren und trainieren und sie auf dem gewiss nicht einfachen Weg zum Tennisprofi professionell begleiten?
Nur wenn es einen authentischen Restart mit neuen Strukturen und gravierenden personellen Veränderungen gibt, hat das deutsche Tennis eine realistische Chance, Anschluss zu finden an die internationale Spitze. Eine Ausnahme würde ich aber gerne machen wollen: Gerald Marzenell würde ich zwingend halten und ihm die Zügel für die so wichtigen strukturellen Veränderungen in die Hand geben. Gerald arbeitet so, wie es sich als Bundestrainer verpflichtend gehört. Er legt ein ungeheures Engagement an den Tag und lebt Motivation und Begeisterung vor. Im jetzigen System des Deutschen Tennis Bundes hat er aber keine Lobby.
Auch medizinische Belange müssen eine deutlich wichtigere Rolle spielen, damit nicht auch künftig ein Megatalent nach dem anderen durchs DTB-Raster der Selbstherrlichkeit fällt, so wie Pauline Bruns nach einer schweren Knieverletzung.
Baut endlich diese Pyramide – mit Demut und leistungsbezogenen Trainern! Junge, engagierte Talente haben wir zur Genüge. Leider auf dem falschen Gleis.
Christian Flach
Ad Personam: Christian Flach ist gebürtiger Österreicher und seit 30 Jahren im internationalen und nationalen Tennissport als Vereins, Verbands-, Bundesliga-, ATP- und Mentalcoach verwurzelt. Aktuell ist der zertifizierte GPTCA-Trainer als Personalcoach für junge Tennistalente unterwegs. Als ehemaliger Orgachef des Fussball-Bundesligisten VfB Stuttgart hat Christian Flach unter Jogi Löw aber auch im Fußball bereits Spuren hinterlassen.
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