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Октябрь
2020

Moskaus verborgene Landidyllen

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Kontraste: Holzhäuser in Troize-Lykowo, im Hintergrund Wohnblocks in Strogino (Foto: Jiří Hönes)

Für Kunstliebhaber: Solomennaja Storoschka

Anfangs regen sich Zweifel, doch bei genauem Hinsehen wird klar: Das ist die Mutter-Heimat-Statue aus Wolgograd. Halb verdeckt von einem Gerüst und herbstlich goldgelben Bäumen blickt sie von einem Betonsockel herab. Lebensgroß. Hier, am Rande einer Siedlung im Norden Moskaus. Auf dem ummauerten Anwesen verstecken sich noch weitere Skulpturen, ein riesiger Lenin-Kopf etwa.

Mutter Heimat auf dem Anwesen des Bildhauers Jewgenij Wutschetitsch (Foto: Jiří Hönes)

Was wie ein sowjetischer Märchengarten anmutet, ist das Anwesen des Bildhauers Jewgenij Wutschetitsch in Solomennaja Storoschka im Moskauer Stadtteil Timirjasewskij. In den 1950er Jahren hatte er sich hier vier Grundstücke gekauft und darauf sein Wohnhaus samt Werkstatt erbaut, zeittypisch im Stil eines antiken Tempels. Seine Witwe lebt noch heute hier.

Wer dem Weg vorbei an der Mutter Heimat folgt, findet sich in einer Oase der Ruhe wieder. Die Waldsiedlung besteht aus einem Dutzend Holzhäuser mit großen, schattigen Gärten, dazwischen schma­le, laubbedeckte Sträßchen.

Geburtsort Konstantin Melnikows

Solomennaja Storoschka bedeutet so viel wie strohenes Wäch­terhaus, es ist nur ein inoffizieller Name. Die Geschichte der Siedung beginnt in den 1860er Jahren. Damals wurde die Petrowskojer Land- und Forstwirtschaftsakademie gegründet, welche hier Ländereien für ihre Anbauversuche unterhielt. Für das Wachpersonal wurde eine Hütte aus Lehm mit beigemengtem Stroh gebaut. Diese gab der Datschensiedlung, die bald darum entstand, ihren Namen. Amtlich hieß sie Petrowsko-Rasumowskoje. In dem Wächterhaus, das in den 1950er Jahren abgerissen wurde, kam 1890 Konstantin Melnikow zur Welt, der als Architekt des Konstruktivismus in die Geschichte eingehen sollte.

Solomennaja Storoschka: Holzhaus im Stil der 1920er Jahre (Foto: Jiří Hönes)

Der größte Teil des Dorfes fiel in der Nachkriegszeit dem Bau von Wohnblocks zum Opfer. Die heute erhaltenen Holzhäuser gehen auf eine Baugenossenschaft von Lehrern der Landwirtschaftsakademie zurück. Sie entstanden alle in den 1920er Jahren nach Plänen des Architekten Karl Gippius. Er selbst bezog eines davon, auch andere Vertreter der Moskauer Intelligenz ließen sich hier nieder. Eine Tafel am Eingang zur Siedlung erinnert an sie. Die Häuser sind im Stil der Zeit schlicht gehalten, ohne den Holzschmuck traditioneller russischer Bauernhäuser. Die meisten von ihnen haben sich seit ihrer Erbauung kaum verändert. An manchen sind noch Hausnummerntafeln aus den 1950er Jahren zu sehen, die noch den Straßennamen 2-oj Astradamskij Projesd angeben, den es offiziell längst nicht mehr gibt.

Für Ruhesuchende: Troize-Lykowo

Troize-Lykowo ist ein richtiges Dorf, mit allem was dazugehört: Kirchen, Dorfladen, Holzhäuser, Gemüsegärten. Dass der Ort bis heute so überlebt hat, grenzt schon an ein Wunder. Noch wundersamer ist, dass es bislang keine Pläne gibt, daran etwas zu ändern.

Gartenidylle in Troize-Lykowo (Foto: Jiří Hönes)

Von der Metrostation Strogino sind es nur 15 Minuten Fußmarsch in eine andere Welt. Vorbei an den allgegenwärtigen zwölfstöckigen Wohnblocks geht es auf einen Fußweg zu, der in ein bewaldetes Tälchen hinabführt. Auf dessen anderer Seite warten schmale, von allerlei Grün gesäumte Dorfsträßchen mit einstöckigen Häusern, mal aus Holz, mal aus Ziegelstein. Hunde bellen hinter Gartentoren, Leute auf der Straße beäugen Fremde mit der für Dörfer typischen Neugier.

Eine andere Welt

Der Ort liegt auf einer Anhöhe rechts der Moskwa, der Steilhang ist bewaldet. Richtig hübsche Häuschen gibt es hier und da, die meisten sind dauerhaft bewohnt. An der Hauptstraße, der Odinzowskaja Uliza, hat ein kleiner Dorfladen von Trockenfisch bis zum Spielzeugauto von allem ein wenig im Angebot. Nebenan erinnert ein Denkmal an die Gefallenen des Großen Vaterländischen Kriegs.

Die Dreifaltigkeitskirche in Troize-Lykowo (Foto: Jiří Hönes)

Zwei Kirchen gibt es hier, die Mariä-Himmelfahrt-Kirche aus dem 19. Jahrhundert und die ältere Dreifaltigkeitskirche. Sie entstand Ende des 17. Jahrhunderts als eine der ersten Kirchen im Stil des Moskauer Barock. Glockenturm und Kirche sind in einem Baukörper verschmolzen.

Schon Lenin verweilte hier

Erstmals erwähnt wurde der Ort als Troizkoje im 16. Jahrhundert. Seinen Namen hat er von einem hölzernen Vorgänger der Dreifaltigkeitskirche. Der Zusatz Lykowo geht auf den Bojaren Boris Lykow zurück, der im 17. Jahrhundert Besitzer des Dorfs war. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand oberhalb des Flusses ein Herrenhaus mit Park und Orangerie. Dieses Anwesen ging 1876 in den Besitz einer Kaufmannsfamilie über, per Erbe gelangte es 1917 an ein Frauenkloster. Dieses existierte jedoch kein Jahr, da kam die Revolution und die Anlage wurde zum Sanatorium. Dessen prominentester Gast war Wladimir Lenin, der Anfang 1922 einige Zeit hier verbrachte.

Das Herrenhaus brannte in den 1980er Jahren ab, doch der Park und die beiden Kirchen laden zum Verweilen ein. Ein Spaziergang hinab ans Ufer der Moskwa lässt einen vergessen, dass man sich in einer Millionenstadt befindet, links und rechts des Flusses erstreckt sich nichts als Wald.

Für Gartenfreunde: Kurjanowo

Kurjanowo ist nicht wirklich ein Dorf, doch es fühlt sich so an. Als in den 1950er Jahren das Hauptklärwerk Moskaus entstand, baute man hier eine Siedlung für dessen Angestellte. Mit Kulturzentrum und Lenin-Denkmal und allem was sonst dazugehört. Zwei- und dreigeschossige Steinhäuser im Stil der Stalinzeit, Vorgärten, jede Straße eine Allee. Kaum irgendwo in Moskau ist es so grün wie in Kurjanowo. Es wirkt wie eine Gartenstadt.

Wer durch die ruhigen Straßen schlendert, dem fallen die für rus­sische Verhältnisse niedrigen Zäune auf. Nirgends eine zwei Meter hohe Blechwand als Sichtschutz, keine Mauern. Bunt gestrichene Lattenzäune gewähren Blicke auf üppige Blumengärten.

Gartenstadt-Atmosphäre in Kurjanowo (Foto: Jiří Hönes)

Die Häuser mit den charakteristischen runden Fensterchen unter dem Giebel sollen der Legende nach von deutschen Kriegsgefangenen erbaut worden sein. Doch das erzählt man sich in Moskau von vielen Häusern dieser Zeit.

Beliebt bei Filmemachern

Bekannt ist das kleine Nest zum einen für seine Abgeschiedenheit. Kaum jemand verirrt sich hierher, die nächste Metrostation ist weit weg. Das Viertel ist umrahmt von Eisenbahngelände, Industriegebieten und dem besagten Klärwerk. Es wirkt ein wenig, als habe die Zeit das kleine Viertel einfach vergessen. Aufgrund der ländlichen Atmosphäre hat den Ort schon so mancher Filmemacher für sich entdeckt.

In Kurjanowo sind die Zäune ganz untypisch niedrig und freundlich. (Foto: Jiří Hönes)

Zum anderen ist Kurjanowo berüchtigt für den Gestank des Klärwerks. Angeblich deshalb sollen hier die Grundstückspreise vergleichsweise günstig sein. Das scheint jedoch eine Frage der Windrichtung zu sein, nicht immer ist die Luft in Kurjanowo wirklich schlecht.

An der abgeschiedenen Lage hat sich in diesem Jahr zumindest etwas geändert. An der Linie 2 von Moskaus S-Bahn MCD wurde eine neue Haltestelle namens Kurjanowo eingerichtet. Vom Kursker Bahnhof ist man in etwas über 20 Minuten hier. Vielleicht eine nette Gelegenheit, die Luftqualität zu überprüfen?

Jiří Hönes

Запись Moskaus verborgene Landidyllen впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.







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