SV Sandhausen: Auch Legenden müssen klein anfangen
Von Wolfgang Brück
Sandhausen. Ahmed Kutucu hat einen Traum. "Ich will mal bei Schalke 04 Legenden-Status erreichen", vertraute der Profi des SV Sandhausen dem Buch-Autor Dustin Paczulla an. Bis in die königsblaue Ruhmeshalle, zu den Kuzorra und Libuda, den Tribulsky und Koslowski, ist es ein weiter Weg. Beim 1:1 in Darmstadt war der 22-jährige Angreifer schon mal der Held des Abends.
Mit seinem späten Tor (84. Minute) sorgte er dafür, dass die Sandhäuser Serie hielt. Seit sieben Spielen sind die Kurpfälzer unbesiegt und hinter Bremen und Nürnberg die drittstärkste Mannschaft der Rückrunde. Kein Verein hat in diesem Jahr weniger Gegentore hinnehmen müssen, nämlich sieben in neun Spielen.
Der Punktgewinn beim Tabellenführer war der Lohn für eine starke Defensivleistung und Kutucus Kunstschuss. Die Hereingebe von Cebio Soukou war nicht einfach zu verwerten.
Trotz der positiven Eckdaten und der Sternstunde des Neuzugangs – für eine Entwarnung ist es noch zu früh. Drei Punkte trennen von Dynamo Dresden auf dem Relegationsrang. Aber: Mittlerweile ist selbst der Karlsruher SC auf dem neunten Platz bei vier Punkten Rückstand in Reichweite. Wer hätte das vor ein paar Wochen gedacht? Viel spricht dafür, dass es für den Dorfverein eine elfte Saison in der Zweiten Liga geben wird.
Ein Indikator für die neue Stärke: Der Torschütze kam von der Ersatzbank. Sie war auch in Darmstadt prominent besetzt. Immanuel Höhn, Alexander Esswein, Arne Sicker und Marcel Ritzmaier waren in der Hinrunde Stammkräfte, sogar Leistungsträger.
Er sei ein "typischer Junge aus dem Pott" sagt Paczulla über den gebürtigen Gelsenkirchener, dessen Vater Bergmann war. Kutucu begann mit drei bei den Sportfreunden 1969 Haverkamp, als ihn Rot-Weiß Essen holte, war er sechs.
Mit 18 feierte er auf Schalke in Bundesliga und Champions League sein Debüt, mit 19 wurde er türkischer Nationalspieler, mit 21 bekam die Karriere – nach 45 Bundesliga-Spielen mit fünf Toren – einen Knick. Er wurde nach Holland verliehen, zu Heracles Almelo, im Sommer unterschrieb er bei Basaksehir Istanbul einen Vier-Jahres-Vertrag bis 2025. Der türkische Meister von 2020 überwies knapp 600.000 Euro nach Gelsenkirchen. Viel Geld für gerade mal drei Kurzeinsätze in der ersten Serie.
Die Rhein-Neckar-Zeitung wollte vom SV Sandhausen wissen, ob es ein Vorkaufsrecht gibt, wenn die Leihe im Sommer endet. Auf die schriftliche Anfrage erfolgte keine Antwort.
Kommuniziert wurde dagegen die ordentliche Leistung am Böllenfalltor. Der Sportliche Leiter Mikayil Kabaca lobte: "Der Punkt zeigt, welche Moral in der Mannschaft steckt." Alois Schwartz hofft, dass der Torschütze, der am Freitagabend erst zum zweiten Mal in der Startelf stand, "einen Schub" bekommt.
Dem Trainer ist es gelungen, den knüppelharten Konkurrenzkampf in positive Bahnen zu lenken. Einmal mehr zeigte sich Dennis Diekmeier als vorbildlicher Profi. Bei seiner Auswechslung wegen eines drohenden Platzverweises verließ er mit aufmunternden Gesten den Rasen. In gut einem Vierteljahr endet der Vertrag des Kapitäns. Die RNZ wollte wissen, wie groß das Interesse des Zweitligisten ist, seine "Identifikation-Figur" (Präsident Jürgen Machmeier) zu halten. Auch bei dieser Frage blieb der Klub die Antwort schuldig.
Noch zehn Zähler fehlen zur 40-Punkte-Marke, die im Allgemeinen die Lizenz für eine weitere Zweitliga-Zugehörigkeit bedeutet. Nur noch dreimal (in Bremen, Nürnberg und Paderborn) müssen die Sandhäuser auswärts antreten. Noch fünfmal (gegen Rostock, Dresden, St. Pauli, Schalke und Kiel) haben sie Heimrecht. Allerdings: Lediglich zehn der 30 Punkte holte Sandhausen im heimischen Stadion.
Von Zuschauer-Zahlen wie an diesem Wochenende in Rostock, wo über 21 000 Hansa-Anhänger den 3:2-Sieg über Kiel feierten, oder 16 000 wie in Dresden beim 1:1 gegen St. Pauli können die Kurpfälzer nur träumen. Selbst gegen den Hamburger SV blieben Plätze leer. 7500 waren erlaubt, 6932 kamen. Gegen Aue wurden nur 3246 Karten verkauft, im letzten Heimspiel gegen Hannover 3582. Rund 11 000 waren laut Corona-Verordnung zugelassen.
Man kann spekulieren, woran das liegt. Schade ist es allemal. Die Mannschaft, die jetzt dieser Bezeichnung gerecht wird, hätte Zuspruch verdient.
