Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, sie ist jung, aufreizend, trägt Uniform: Was will wohl diese vollbusige Polizistin von uns? Seit Wochen tauchen Bilder von ihr auf TikTok, Instagram und WhatsApp auf, millionenfach aufgerufen, begleitet von bewundernden oder lüsternen Kommentaren. Weiterscrollen, weiterklicken: Was ist denn das? Neuschnee in Kamtschatka, so viel Schnee! Zwanzig, dreißig, fünfzig Meter hoch türmen sich die weißen Massen, begraben sogar Hochhäuser unter sich, die Autofahrer im fernen Russland müssen tiefe Schneisen für ihre Straßen graben. Ist ja irre! Gleich mal an den Freund, die Schwester und den Onkel weiterleiten! Oder das hier: Orientalisch aussehende Männer bedrängen eine blonde Frau, entreißen ihr die Hundeleine – und dann schleudern sie das arme Hündchen in den nächsten Kanal, diese wildgewordenen Horden! War ja klar, dass die keine Scham im Leib haben. Das müssen dringend auch die Kumpels aus dem Kegelverein wissen, schnell in die WhatsApp-Gruppe posten! Ja, es geht schnell, dass man sich empört. Oder sich wundert. Oder sich freut. Es dauert nur Millisekunden, bis die menschliche Psyche auf optische Reize reagiert und den Körper zu Emotionen stimuliert. Interessierte Kräfte wissen diesen Effekt zu nutzen, und diese Kräfte sitzen nicht nur in den Zentralen amerikanischer und chinesischer Digitalkonzerne. Auch Betrüger und andere Scharlatane haben das neueste digitale Geschäft entdeckt, das einen gigantischen Reibach verspricht. Minimaler Aufwand, großer Ertrag: Es ist ein Kinderspiel, mit der Täuschung von Menschen Geld zu verdienen. Denn die aufreizende Hamburger Polizistin, die enormen Schneemassen und die ausländischen Hundeschinder gibt es gar nicht. Jedenfalls nicht so. Sie sind digitale Phantome, erschaffen von Künstlicher Intelligenz, um unsere Aufmerksamkeit zu fesseln und uns zum Klicken und Teilen zu verleiten. Mithilfe von KI-Programmen wie ChatGPT, Sora 2, Grok, Gemini und wie sie alle heißen, lassen sich binnen Sekunden Bilder und Videos erzeugen, die der Realität täuschend nahekommen. Eine sechs Meter lange Forelle? Kein Problem. Friedrich Merz auf Knien vor Donald Trump? Bitte schön. Die Nachbarin von gegenüber im Bordell? Geht alles, wird alles per Klick erzeugt, jeden Tag, massenhaft. Willkommen in der neuen Wirklichkeit, in der nichts mehr ist, was es scheint. Was hier geschieht, ist kein harmloser Spaß. Es ist der Beginn eines Tsunamis aus Fälschungen, der das Fundament unserer Gesellschaft wegzuspülen droht: den Konsens darüber, was real ist und was nicht. Und natürlich entrechtet er all jene, deren Körper er für Fälschungen missbraucht. Das Problem ist tückisch, weil es auf zwei Säulen thront. Die erste steht in unserem Kopf: Unser Gehirn hat einen uralten Pakt mit unseren Augen geschlossen, der seit Anbeginn der Menschheit gilt: Was wir sehen, ist wahr. Dieser Instinkt war ein Überlebensvorteil in einer Welt aus Bäumen und Steinen. In der digitalen Welt wird er zu unserer größten Schwachstelle. Wir sind nicht darauf trainiert, hinter jedem Bild eine Lüge zu wittern, jede visuelle Information wie ein potenzielles Beweisstück in einem Kriminalfall zu betrachten. Die zweite Säule ist das Internet selbst. Vor wenigen Monaten hat die Menschheit einen Kipppunkt überschritten, nur nahm kaum jemand Notiz davon: An diesem Tag hat die Zahl der künstlich erzeugten Inhalte die Zahl der menschlichen Beiträge im Web überflügelt – und stündlich werden es mehr. Nun ist das Internet nicht länger ein Abbild der realen Welt. Nun gleicht es einem rasant wachsenden Spiegellabyrinth, in dem die meisten Spiegel lügen, erbaut von Algorithmen, die nur ein Ziel kennen: unsere Aufmerksamkeit zu kapern. "In fast allen Fällen setzen die KI-Videos auf Emotionen: Wut, Rührung oder Empörung verdrängen die Frage, wer den Inhalt erstellt hat und zu welchem Zweck", schreibt mein Kollege Patrick Schiller, der sich so gut mit Künstlicher Intelligenz auskennt wie wenige Journalisten. Und weiter: "In den Kommentarspalten geht es dann nicht um die Echtheit, sondern um Moral, Anstand oder politische Haltung. Frei erfundene Szenen führen so zu realen Debatten." In diesem Artikel zeigt er haarsträubende Beispiele von KI-Videos, die auf Instagram, TikTok und Co. kursieren und von hunderttausenden Menschen betrachtet wurden. Bilder wie diese sind mehr als nur digitale Streiche. Sie werden gezielt eingesetzt, denn Klicks im Internet bringen Geld; und mit massenhaft verbreiteten Botschaften lassen sich Menschen lenken, lässt sich Politik machen. KI-Bilder sind die Vorboten einer neuen Ära, in der die Grenze zwischen Schein und Sein zerfließt. Wir erleben den Generalangriff auf das letzte verbliebene Vertrauen, das unsere Zivilisation zusammenhält: den Glauben an unsere eigenen Augen. Das Problem ist deshalb so fundamental, weil es ein evolutionäres Erbe zur fatalen Schwäche degradiert. Unser Gehirn, über Jahrtausende darauf geeicht, Gesehenes für wahr zu halten, wird zum unverteidigten Einfallstor in einer Welt, die zu immer größeren Teilen aus Simulationen besteht. Auch das fotografische und filmische Zeugnis, einst der Goldstandard der Dokumentation in Journalismus, Wissenschaft und Justiz, droht seinen Wert zu verlieren. Wenn jedes Bild manipuliert sein kann, stirbt der Beweis. Was bedeutet ein Überwachungsvideo vor Gericht, wenn es auch eine Fälschung sein könnte? Was ist der Bericht eines Reporters vor Ort noch wert, wenn sich jeder an jeden Ort der Welt halluzinieren kann? Wir erfahren die systematische Enteignung des menschlichen Ichs – nur zieht kaum jemand Konsequenzen daraus. Immerhin: Die Dänen haben ein Gesetz auf den Weg gebracht, das jedem Menschen das Recht an seinem Gesicht und seiner Stimme zuspricht. Unser kleines Nachbarland hat erkannt, dass in einer Welt, in der die biometrische Identität zur kopierbaren Marionette wird, die Würde des Menschen auf dem Spiel steht. Und hierzulande? Rollt die Gesellschaft wie ein Schlafwagen auf den Abgrund zu. Die meisten deutschen Politiker sehen das Feuer noch gar nicht, während das Haus schon lichterloh brennt. Auch die meisten Firmenchefs, Wissenschaftler, Journalisten, Intellektuellen scheinen nicht den blassesten Schimmer zu haben, welche Gefahren auf sie zukommen. Diese Naivität ist gefährlich. Wir können uns den Dornröschenschlaf nicht länger leisten. Es braucht eine gesamtgesellschaftliche Debatte darüber, wie wir mit der Ära der Fälschung umgehen wollen, die wir mit den KI-Programmen betreten haben. Das ist keine technische Frage für ein paar Nerds, es ist eine Überlebensfrage für die Demokratie. Wer jetzt nicht handelt, lebt bald in einem Land, in dem niemand mehr irgendetwas glauben kann. Dann wird politische Hetze durch gefälschte Videos alltäglich. Das Vertrauen in die Medien, die Wissenschaft, die Polizei, die Justiz – alles wird erodieren. Wem soll man noch glauben? Dem Video des Politikers, der etwas Ungeheuerliches sagt? Dem Foto vom Katastrophenort? Dem weinenden Zeugen vor der Kamera? Dem Bild des eigenen Kindes, des Ehemanns, der Freundin? Wenn jeder alles für eine Fälschung halten und jede Fälschung für echt gehalten werden kann, zerfällt der gemeinsame Raum, in dem wir als Gesellschaft diskutieren und entscheiden. Dann triumphieren das Misstrauen, die Paranoia und das Recht des Lautesten. Deshalb ist es höchste Zeit, unsere geistige Immunabwehr zu stärken: durch Bildung, durch Debatten, durch Gesetze, durch eine neue, kritische Wachsamkeit. Hier geht es nicht nur um ein paar Bilder. Es geht um alles, was uns lieb und teuer ist. Wenn Sie den "Tagesanbruch"-Newsletter abonnieren möchten, nutzen Sie bitte diesen Link. Dann bekommen Sie ihn jeden Morgen um 6 Uhr kostenlos per E-Mail geschickt. WAHLKAMPF Stabwechsel in Sachsen-Anhalt Es ist ein gängiges Manöver: Ministerpräsidenten, die nicht mehr antreten wollen, übergeben die Macht schon vorzeitig, damit der Nachfolger bei der nächsten Wahl mit dem Amtsbonus und größerer Bekanntheit punkten kann. So haben es Volker Bouffier und Boris Rhein in Hessen erfolgreich vorexerziert, und das war der Plan hinter den vorzeitigen Stabwechseln in Rheinland-Pfalz (von Malu Dreyer zu Alexander Schweitzer) und Niedersachsen (von Stephan Weil zu Olaf Lies) – Ausgang in letzteren beiden Fällen noch offen. Nun soll die Rochade auch in Sachsen-Anhalt über die Bühne gehen: Der langjährige CDU-Regierungschef Reiner Haseloff scheidet aus, der amtierende Wirtschaftsminister und CDU-Landesvorsitzende Sven Schulze will sich im Magdeburger Landtag zum Nachfolger wählen lassen. Weil Haseloff sich lange sträubte, bleibt Schulze allerdings nicht mehr viel Zeit, um in die Offensive zu kommen. Die Landtagswahl steht schon in gut sieben Monaten an. Und die Ausgangslage ist schwierig: Umfragen sehen die rechtsextremistische AfD bei rund 40 Prozent, die CDU verfehlt derzeit sogar die 30-Prozent-Marke. Weil FDP und Grüne aus dem Landtag fliegen könnten und auch die SPD mit der Fünfprozenthürde ringt, scheint nicht ausgeschlossen zu sein, dass AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund am Ende als erster Ministerpräsident seiner Partei alleine regieren kann. "Die Angst geht um", berichten unsere Reporter Johannes Bebermeier und Florian Schmidt. Um das Schreckensszenario abzuwenden, muss Schulze heute zunächst von den Abgeordneten der Schwarz-Rot-Gelben Koalition gewählt werden. ABSURD Putin bekämpft Pappmaché Wer sich über Wladimir Putin lustig macht, verscherzt es sich mit der russischen Justiz: Das bekommt ab heute auch der Düsseldorfer Bildhauer Jacques Tilly zu spüren. In Moskau beginnt – in Abwesenheit des Angeklagten – ein Strafverfahren gegen den Künstler, der seit Jahren karikierende Karnevalswagen mit Pappmaché-Figuren des Kremldespoten gestaltet. Laut Anklage soll er "Falschmeldungen über die russische Armee verbreitet" und aus "Hass und eigennützigen Motiven" gehandelt haben. Ob das berüchtigte Basmanny-Gericht ihn zu einer Geldstrafe oder zu zehn Jahren Haft verurteilt, ist für Tilly fast zweitrangig. Er weiß nun, dass er in Länder, die ein Auslieferungsabkommen mit Moskau haben, besser nicht mehr reisen sollte. Einschüchtern lassen will er sich trotzdem nicht – und verspricht, Putin beim kommenden Rosenmontagszug erst recht wieder einen Wagen zu widmen. Guter Mann! Lesetipps Die EU und Indien haben sich auf ein Freihandelsabkommen geeinigt. Endlich zeigt Europa Donald Trump die kalte Schulter, kommentiert mein Kollege Patrick Diekmann. Artikel lesen Die Bundesregierung plant den Umbau des Sozialstaats. Ist das die ersehnte Großreform? Unsere Reporter Camilla Kohrs und Daniel Mützel schauen genau hin. Artikel lesen Trump, Trump, Trump: Das Nachrichtengewitter nimmt überhand, findet unser Kolumnist Uwe Vorkötter. Artikel lesen Aus dem Dschungelcamp ertönt ein dröhnendes Schweigen: Gil Ofarim windet sich um einen Skandal herum, schreibt mein Kollege Steven Sowa. Artikel lesen Ohrenschmaus Seinen Welthit schrieb er in nur vier Stunden im Opel Kadett zwischen dem Autobahnkreuz Weinsberg und dem Kasseler Kreuz: Heute feiert Peter Schilling – einer von vielen wunderbaren Stuttgartern – seinen 70. Geburtstag. Und wir fliegen wunderbar mit ihm zu den Sternen. Zum Schluss Ministerin Bärbel Bas reformiert den Sozialstaat. Ich wünsche allen Stuttgartern und Nichtstuttgartern einen wunderbaren Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa.