Der Konflikt zwischen der Hisbollah und Israel zwingt eine Million Menschen im Libanon zur Flucht. Laut UNHCR ist die Lage für Kinder besonders traumatisch. Mehr als eine Million Menschen sind derzeit im Libanon auf der Flucht. Wie Leana Podeszfa, eine Mitarbeiterin beim UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), t-online sagt, gilt für den ganzen Südlibanon sowie für die dicht besiedelte südliche Vorstadt von Beirut eine Evakuierungsanordnung der israelischen Armee. "Alle sollen fliehen", heiße es. "Wenn es über Nacht Angriffe ohne Vorwarnung gibt, dann herrscht hier Panik. Die Leute fliehen mit allem, was sie schnell greifen können oder am Körper haben", sagt Podeszfa. Der Libanon befindet sich seit Jahrzehnten immer wieder im Krieg mit Israel . Die derzeitige militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah stellt erneut eine unabsehbare Bedrohung für die libanesische Zivilbevölkerung dar. Sie könnte verheerende humanitäre Folgen haben und zu einem langwierigen Konflikt führen. Das UN-Menschenrechtsbüro warnte vor möglichen Kriegsverbrechen und vor Zerstörungen wie im Gazastreifen . Krieg in Nahost : Militär: Israel weitet Einsatz am Boden im Libanon aus E-2D Hawkeye : Diese Verlegung zeigt die Fehleinschätzung der USA Regionaler Flächenbrand Nach den amerikanisch-israelischen Luftangriffen auf den Iran seit dem 28. Februar hat sich der Konflikt binnen weniger Tage zu einem regionalen Flächenbrand entwickelt. Als Reaktion auf die Tötung des obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei war die pro-iranische Hisbollah aufseiten Teherans in den Krieg eingestiegen. Sie hatte Anfang der Woche damit begonnen, Raketen auf Ziele in Israel zu feuern. Eigenen Angaben zufolge hat die israelische Armee "begrenzte und gezielte Bodeneinsätze" im Süden des Nachbarlands Libanon begonnen. Ziel seien aktive Hisbollah-Mitglieder sowie die Infrastruktur der Miliz. Die Einsätze am Boden seien "Teil umfassenderer Verteidigungsmaßnahmen", um die Einwohner im angrenzenden Nordisrael zu schützen. Verkehrschaos Podeszfa zufolge kam es bereits infolge der Evakuierungsanordnung zu einem Verkehrschaos im Südlibanon. "Alle haben versucht, mit dem Auto wegzukommen, und standen zum Teil zwölf Stunden lang im Stau." Viele seien auch einfach zu Fuß losgelaufen, mit allem, was sie mitnehmen konnten. Unter ihnen seien auch viele syrische Flüchtlinge, die im Libanon Schutz gesucht hatten, sagt die UNHCR-Mitarbeiterin. Dabei reichten die Notunterkünfte im Libanon bei Weitem nicht aus. "Nur ungefähr ein Zehntel der Flüchtenden hat dort Schutz gefunden", mahnt Podeszfa. Viele Familien hätten noch keinen Platz in Notunterkünften gefunden. "Sie schlafen in ihren Autos oder in Zelten am Strand von Beirut, wo sich auch nach Tagen noch mehrere Hundert Menschen aufhalten", sagt Podeszfa. Auch unter Brücken und in Parks in der libanesischen Hauptstadt suchten viele Menschen Schutz und seien dort nachts niedrigen Temperaturen und zum Teil heftigen Stürmen und Regenfällen ausgesetzt. Notunterkünfte sind stark überlastet Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium sind bisher 968 Menschen, darunter 116 Kinder, durch die israelischen Angriffe ums Leben gekommen. Die Zahl der Verletzten stieg zuletzt auf 2.432, von denen 356 Kinder sind. Die humanitäre Notlage wird auch mit Blick auf die Notunterkünfte deutlich. Derzeit dienten viele Schulen als Schutzräume, die jedoch stark überlastet seien, meint Podeszfa. "Es gibt dort oft keine Duschen und kaum Privatsphäre." Gerade für Frauen sei die persönliche Hygiene ein großes Problem. Innerhalb der zum Teil noch sehr konservativen Gesellschaft falle es vielen schwer, ihre Bedürfnisse klar zu kommunizieren. Das Kriegstrauma ist unübersehbar "Für Kinder ist die Fluchtsituation besonders belastend", sagt Podeszfa. Gerade die Jüngeren verstünden oft nicht, was eigentlich vor sich geht. Einige Kinder seien auf der Flucht von ihren Eltern getrennt worden und dann mit Nachbarn oder fremden Menschen geflohen. Der Libanon kämpft seit mehreren Jahren gegen ein verheerendes Zusammenspiel aus extremem wirtschaftlichem Zusammenbruch, politischer Lähmung und dem eskalierenden militärischen Konflikt mit Israel. Viele Kinder seien schon in dieser Zeit traumatisiert worden und machten jetzt das Gleiche noch einmal durch, so Podeszfa. Die Kriegstraumata seien bei vielen unübersehbar. "Manche Kinder hören einfach auf zu reden, viele leiden unter Schlafstörungen und werden aggressiv, weil sie ihre Emotionen nicht gut verarbeiten können." Der psychische Stress zeige sich auch daran, "dass auch ältere Kinder wieder ins Bett machen". Außerdem finde in weiten Teilen des Landes momentan kein Schulalltag statt, "weil die meisten Schulen zu Notunterkünften umfunktioniert worden sind." Insgesamt sei das Bildungssystem infolge der Corona-Pandemie, der schweren Wirtschaftskrise und der kriegerischen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre ohnehin stark angeschlagen. "Niemand weiß, wie es weitergeht" Doch die Gelder für internationale Hilfe sind in den letzten Jahren so stark gekürzt worden, dass der UNHCR seine Bildungsprogramme sowie die psychologische Unterstützung stark einschränken musste, warnt Podeszfa. Angesichts der Angst und Ungewissheit im Libanon sei die humanitäre Unterstützung jedoch dringend notwendig. "Jeder kennt jemanden, der in den letzten zwei Wochen gestorben ist oder verletzt wurde. Und niemand weiß, wie es weitergeht und wie lange es dauern wird", sagt Podeszfa t-online. Selbst wenn es einen Waffenstillstand gebe, könnten viele Leute nicht einfach in ihre Heimat zurückkehren, "weil so viele Häuser bereits zerstört sind." Deswegen hoffen der Libanon und der UNHCR auf internationale Unterstützung für die humanitäre Hilfe.