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Friedrich Merz: CDU-Kanzler ohne Feingefühl

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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, einen neuen Fraktionschef hat die Union noch nicht, aber immerhin einen Plan: Nächste Woche Mittwoch wird die Fraktion ihren neuen Vorsitzenden wählen. Spätestens dann ist klar, wer auf Jens Spahn folgt, der am Samstag im Zuge der Leihmutter-Affäre seinen Rücktritt einreichen musste. Während Spahn und Friedrich Merz kein besonders enges Verhältnis nachgesagt wurde, setzt der Kanzler nun offenbar auf jemand Vertrautes: Unter den vier Namen, die im politischen Berlin kursieren, sind etwa sein Kanzleramtschef Thorsten Frei und CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann. Der Kanzler ließ dabei bereits durchblicken, dass er einen größeren Umbau anstrebt. Darin liegt sowohl ein großes Risiko als auch eine Chance. Denn bislang krankt Merz' Kanzlerschaft an einem grundlegenden Problem, das auch mit seinem Umfeld zu tun hat: Ihm fehlen in seinem engsten Kreis die kritischen Stimmen, die ihn auf andere Perspektiven als die eigene aufmerksam machen. Wie etwa auf die der Frauen. Gerade unter ihnen fiel das Urteil über Spahn vernichtend aus. Der "Stern" berichtete von einem internen Treffen des Vorstands der Frauenunion am Freitagabend, bei dem keine einzige Frau Partei für Spahn ergriff. Stattdessen sei deren Vorsitzende, Gesundheitsministerin Nina Warken, mit dem Auftrag zu Merz geschickt worden, ihm mitzuteilen, dass Spahns Verhalten untragbar sei – und er eine Lösung finden müsse. So berichtet es der "Stern" und schreibt dazu, das sei womöglich der entscheidende Stoß für Spahn gewesen. Doch diesen Sturm der Empörung vorherzusehen, war Merz offenbar nicht in der Lage. Als er im ZDF-Sommerinterview nach seinem Telefonat mit Spahn gefragt wurde, in dem dieser ihn über die Geburt seines Sohnes und die Leihmutterschaft informiert hatte, antwortete Merz knapp. Er habe zunächst einmal dem Kind viel Glück gewünscht und sich gedacht: "Naja, hoffentlich geht er kommunikativ damit gut um und erklärt es gut." Das Prinzip Hoffnung also. Dass Merz die Kommunikation Spahn überließ, ist umso erstaunlicher, weil der Kanzler mehrere Tage Zeit hatte, die Tragweite zu erkennen. Die Fakten lagen da schon auf dem Tisch: Erst beim letzten Parteitag, im Februar dieses Jahres, hatte die Partei ihre ablehnende Haltung zur Leihmutterschaft erneut bekräftigt – auf einen Antrag der Frauenunion hin. Innerparteilich war zuvor sogar über eine Verschärfung der Position diskutiert worden, nach Vorbild Italiens. Dort ist selbst die Inanspruchnahme einer Leihmutter im Ausland strafbar. Das hätte Merz wissen können, ja sogar müssen. Er selbst soll es gewesen sein, der die Frauenunion damit beauftragte, einen Beschluss für den Parteitag zu formulieren, der die Position der CDU zu dem Thema noch einmal festzurren sollte. Natürlich macht jeder Fehler, auch ein Kanzler. Deswegen ist es umso wichtiger, dass man sich mit Vertrauten umgibt, die einen in der Sache gut beraten und die sich auch mal trauen, zu widersprechen. Doch hat sich Merz mittlerweile einen Ruf als jemand erarbeitet, der Kritik nur äußerst ungern hört. Was aber, wenn er sich vorher mit dem Vorstand der Frauenunion über die Causa Spahn beraten hätte? Möglicherweise hätte er die Folgen besser abschätzen und abfedern können. Der Verdacht liegt jedenfalls nahe. Zumindest vordergründig weiß Merz, wie wichtig das Thema auch für ihn und seine Kanzlerschaft ist. Denn gerade bei Frauen ist der Kanzler besonders unbeliebt, in Medien wird er regelmäßig als Frauen-Nicht-Versteher gezeichnet oder gar als jemand, der ein Frauenbild aus den Fünfzigerjahren pflegt. Daran trägt Merz teilweise selbst Schuld, als Belege für solche Aussagen gilt etwa sein Abstimmungsverhalten als Abgeordneter. So stimmte er etwa 1997 gegen ein Gesetz, das zum Ziel hatte, Vergewaltigung in der Ehe auch als eine solche zu bestrafen. Er hat seine Entscheidung wiederholt als Fehler bezeichnet und es gibt auch keinen Grund, ihm das nicht abzunehmen. Diese Einsicht bewahrt ihn allerdings nicht davor, sich immer wieder äußerst ungeschickt auszudrücken. Etwa, als er letztes Jahr auf einer Konferenz von weiblichen Führungskräften sagte, dass Männer oft besser im Netzwerken seien. Oder als er behauptete, er könne ja gar kein Problem mit Frauen haben, sonst hätten seine Töchter ihm längst die Gelbe Karte gezeigt und sich seine Frau nicht für ihn entschieden. Oder als er die Kürzung beim Unterhaltsvorschuss damit rechtfertigte, dass Mütter von Kindern ab 16 Jahren ja wieder arbeiten könnten – ohne dabei zu berücksichtigen, dass der Unterhaltsvorschuss die Leistung eines Vaters ersetzt, der sich vor seiner Verantwortung drückt. Der Kanzler hätte auch ebendiese säumigen Väter kritisieren können, entschied sich aber für die alleinerziehenden Mütter. Diese Liste ließe sich fortschreiben und zeigt ein Grundproblem: So gern Merz doch jemand wäre, der bei den Wählerinnen gut ankommt, fehlt ihm dazu oft das nötige Feingefühl. Ob er nun überlege, im Zuge des Umbaus auch eine Frau in die Führungsspitze der Union zu holen , fragte ihn die ZDF-Journalistin Diana Zimmermann. Merz zählte als Antwort auf, in welchen Spitzenposten bereits Frauen sind. Unter seinem Vorsitz sei die Zahl der Frauen bereits deutlich gestiegen, sagte er und fügte noch hinzu: "Ich tue alles, um das noch besser zu machen." Ein Ausweichmanöver, und dazu noch eins, in dem er offenkundig Amt mit Einfluss verwechselte. Denn nach außen wirken aus der CDU mit Ausnahme von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nur Männer. Nun aber könnte er den anstehenden Umbau nutzen, eine Frau in einer wirklich mächtigen Position zu ermöglichen , die keine Angst davor hat, ihm auch mal den Spiegel vorzuhalten. Gebrauchen könnte er es. Denn aus dieser Krise geht er geschwächt hervor. Jetzt hätte er die Chance sicherzustellen, dass ihm das nicht noch einmal passiert. Die Termine des Tages Außenminister Johann Wadephul reist mit einer Wirtschaftsdelegation heute nach Nigeria: Der CDU-Politiker wirbt für eine engere Zusammenarbeit mit Staaten auf dem afrikanischen Kontinent in politischen, wirtschaftlichen und Sicherheitsfragen. Gestern war er bereits in Mauretanien, einem der wenigen stabilen Staaten in der Sahelregion. Kanzler Merz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bekommen hingegen Besuch aus Aserbaidschan: Präsident Ilham Alijew wird mit militärischen Ehren empfangen, anschließend halten er und Merz eine Pressekonferenz ab. Innenminister Alexander Dobrindt stellt das Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen 2025 vor . Seit Jahren bewegten sich die Fallzahlen unverändert auf einem hohen Niveau. Bei der Pressekonferenz im vergangenen Jahr hatte Dobrindt angekündigt, die hohen Fallzahlen etwa mit der mittlerweile vom Kabinett beschlossenen Speicherung von IP-Adressen bekämpfen zu wollen. Thema Das historische Bild 1972 verübte die IRA einen ihrer brutalsten Anschläge. Mehr erfahren Sie hier. Lesetipps Spanien ist Weltmeister, Argentinien ein schlechter Verlierer, meint unsere Kolumnistin Nadine Angerer. Die ehemalige Welttorhüterin hofft, dass der DFB beim WM-Finale genauer hingeschaut hat. Artikel lesen Die WM-Halbzeitshow spaltet die Fußballwelt. Soll das neue Konzept bleiben? Meine Kollegen Philipp Michaelis und Andreas Becker sind unterschiedlicher Meinung. Artikel lesen Klimakrise, Tod und Trump: In seinem neuen Buch widmet sich T.C. Boyle existenziellen Themen. Im Interview mit meinem Kollegen Marc von Lüpke erklärt der amerikanische Starautor, was er sich nach Donald Trump erhofft. Artikel lesen Ohrenschmaus Es gibt zahllose kitschige Songs über Mutterliebe, aber nur ganz wenige darüber, wie es wirklich ist, eine Mutter zu sein: Das hier ist einer davon. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Dienstag. Morgen schreibt Ihnen mein Kollege David Schafbuch aus den USA. Herzliche Grüße Ihre Camilla Kohrs Leitende Reporterin für Bundespolitik Mit Material von dpa.






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