Der Alkoholkonsum in Deutschland sinkt – ausgerechnet der größte Sektproduzent des Landes will darin eine Chance sehen. Silvia Wiesner erklärt, wie das Geschäft läuft und warum Rotkäppchen im Ausland keine Rolle spielt. Silvia Wiesner hat sich ein neues Ziel gesetzt: Rotkäppchen-Mumm soll nicht mehr nur Deutschlands Sektmarktführer sein, sondern der führende Anbieter für Genussgetränke insgesamt – mit Alkohol und ohne, so die Rotkäppchen-Chefin. Der Grund für den Kurswechsel liegt im Markt. Der Absatz alkoholfreier Getränke hat sich nach Unternehmensangaben in vier Jahren mehr als verdoppelt, während der klassische Alkoholkonsum zurückgeht. Ausgleichen können alkoholfreie Produkte die Verluste im Kerngeschäft freilich nicht, wie Wiesner im Interview einräumt. Sekt macht weiterhin rund die Hälfte des Umsatzes aus. Im Interview mit t-online spricht sie außerdem über Rabattschlachten im Supermarkt, gescheiterte Auslandspläne und die Wahl in Sachsen-Anhalt. Rotkäppchen-Chefin : "Das ist diskussionsfrei" BAT-Deutschlandchef: "500 Millionen Euro, die auf der Straße liegen" t-online: Frau Wiesner, 2024 machte Rotkäppchen-Mumm noch 1,28 Milliarden Euro Umsatz. Den Umsatz von 2025 haben sie nicht veröffentlicht. Wie hoch war er denn? Silvia Wiesner: Darüber geben wir keine Auskunft, verzeihen Sie bitte. Können Sie zumindest eine Größenordnung nennen? Als privat geführtes Familienunternehmen haben wir keine Notwendigkeit, mit solchen Zahlen nach außen zu gehen. 2025 war das Branchenumfeld schwierig. Ist der Umsatz gesunken? Es war ein herausforderndes Jahr für die gesamte Branche und auch für uns. Wenn wir noch dreimal fragen, wie stark der Umsatz gesunken ist, antworten Sie noch dreimal dasselbe, oder? Vermutlich. Umsatz ist ja auch nur eine von mehreren wichtigen Kennzahlen. Wie läuft es denn aktuell? Wir sehen eine gewisse Erholung. Unsere beiden größten Marken Rotkäppchen und Doppio Passo liegen leicht über Plan und leicht über dem Vorjahr. Der Gesamtmarkt steht trotzdem unter Druck. Wo soll das Wachstum künftig herkommen? Sekt bleibt unser Kerngeschäft und macht rund die Hälfte unseres Gesamtumsatzes aus. Wir stehen aber auf vier Säulen: Schaumwein, Wein, Spirituosen und alkoholfreie Alternativen. Wir bauen Wachstumsfelder wie alkoholfreie Produkte und trinkfertige Angebote weiter aus. Sie setzen auch auf das Ausland. Ausgerechnet die Marke Rotkäppchen spielt dort aber kaum eine Rolle. Warum? Beim internationalen Geschäft konzentrieren wir uns vor allem auf unsere italienischen Marken Doppio Passo und Ruggeri. Beide sind mittlerweile in mehr als 60 Ländern erhältlich. Warum schaffen Sie es mit einer der bekanntesten deutschen Marken nicht stärker ins Ausland? Weil italienischer Prosecco international als Produktkategorie besser verstanden und angenommen wird als deutscher Sekt. Diese Realität müssen wir zur Kenntnis nehmen. Das heißt übersetzt: Rotkäppchen funktioniert in Deutschland – im Ausland zieht Italien besser. Es gibt deutliche Unterschiede in der internationalen Wahrnehmung der Kategorien. Vielleicht müssen wir insgesamt noch mehr dafür tun, dass deutscher kulinarischer Genuss international die Wertschätzung erfährt, die wir uns wünschen. Warum probieren Sie es mit Rotkäppchen nicht einfach in einem großen Auslandsmarkt aus? Weil es nicht um Wachstum um jeden Preis geht. Es geht um profitables Wachstum. Wir investieren dort, wo Marke, Produkt, Markt und Nachfrage zusammenpassen. Alles andere wäre eine verschwendete Ressource. Bei Rotkäppchen gibt es eine ziemlich hartnäckige Tradition: Stimmt es, dass rund sieben von zehn Flaschen Sekt im Sonderangebot gekauft werden? Der Promotionsanteil im Sektmarkt ist tatsächlich sehr hoch und bewegt sich grob in diesem Bereich. Als Nummer eins in diesem Markt können wir uns dieser Entwicklung nicht entziehen. Die Preisgestaltung liegt aber immer in der Hoheit des Handels. Schadet es einer Marke nicht, wenn viele Kunden vor allem dann zugreifen, wenn daneben groß 2,99 Euro steht? Der Preis spielt natürlich eine Rolle. Aber er ist nicht der einzige Faktor. Qualität, Vertrauen in eine bekannte Marke und die Erwartung an den Geschmack sind ebenfalls entscheidend. Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass das Verhältnis zwischen Produkterlebnis und Preis für unsere Käufer stimmt. Warum gibt es dann nicht etwa eine Premiumversion von Rotkäppchen – beispielsweise einen Rotkäppchen-Crémant? Es gibt durchaus unterschiedliche Angebote von Rotkäppchen, beispielsweise die Rotkäppchen Flaschengärung. Dieses Produkt wir in einem aufwendigen, traditionellen Verfahren hergestellt, bei dem die zweite alkoholische Gärung direkt in der Flasche stattfindet. Das ist deutlich aufwendiger und teurer als die Gärung in großen Tanks. In der Rotkäppchen-Erlebniswelt gibt es außerdem exklusive Produkte zu höheren Preisen. Daneben haben wir Marken wie Mumm oder Geldermann – die Nr. 1 für Flaschengärung in Deutschland, mit denen wir unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Gleichzeitig trinken die Deutschen seit Jahren weniger Alkohol. Wie sehr trifft Sie das? Der Wunsch nach Genuss geht nicht zurück, aber die Art des Konsums verändert sich. Die Menschen trinken bewusster und häufig weniger. Das kann bedeuten: Heute trinke ich ohne Alkohol, morgen alkoholhaltig und übermorgen alkoholreduziert. Sie sind also gar nicht traurig darüber, dass die Deutschen weniger Alkohol trinken? Wir sehen jede Konsumveränderung als Chance und nicht als Risiko. Deshalb wollen wir noch mehr und noch bessere alkoholfreie Alternativen anbieten. Kann das alkoholfreie Geschäft den Rückgang beim klassischen Geschäft bereits ausgleichen? Noch nicht. Dafür ist der Anteil der alkoholfreien Alternativen derzeit noch zu gering. Aber er wächst stark: Der Markt für alkoholfreie Getränke hat sich in den vergangenen vier Jahren mehr als verdoppelt, allein im vergangenen Jahr lag das Wachstum bei mehr als 14 Prozent. Wie wichtig ist alkoholfrei inzwischen für Rotkäppchen-Mumm? Alkoholfrei ist eine strategische Priorität. Wir haben bereits 2008 die erste alkoholfreie Alternative unter Rotkäppchen eingeführt und seitdem mehr als 120 Millionen Flaschen solcher Alternativen verkauft. Außerdem haben wir früh in eine eigene Entalkoholisierungsanlage investiert. Wenn Produkte alkoholfrei, alkoholreduziert und zuckerreduziert werden: Geht es dann noch um Genuss oder nur noch um Selbstoptimierung? Für uns geht es in erster Linie um Genuss. Geschmack und Qualität sind unverhandelbar – ganz egal, ob ein Produkt Alkohol enthält oder nicht. Spätestens beim Wiederkauf entscheidet der Geschmack. Damit solche Produkte entstehen, brauchen Sie eine Entwicklungsabteilung. Wie groß ist die bei Rotkäppchen-Mumm? Wir sind durchaus schlank aufgestellt. Aber wir haben im vergangenen Jahr explizit weiter in die Produktentwicklung investiert. Sie ist für uns ein Dreh- und Angelpunkt, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten. "Schlank" heißt wie viele Menschen? Rotkäppchen-Mumm beschäftigt insgesamt rund 1.000 Mitarbeitende. Das ist der Detailgrad, den ich nennen kann. Warum machen Sie ein Geheimnis aus der Größe Ihrer Produktentwicklung? Weil das natürlich auch für unsere Wettbewerber interessant wäre. Bringen Sie als Chefin eigentlich auch selbst neue Produktideen ein? An der einen oder anderen Stelle gebe ich eine konkrete Idee ans Team weiter. Aber immer mit dem Zusatz: Bitte am Konsumenten testen. Meine persönliche Meinung ist am Ende nicht entscheidend. Gab es auch Ideen, bei denen das Team dachte: Frau Wiesner, das war kompletter Blödsinn? Ich glaube, so richtig viel kompletten Blödsinn schlage ich dem Team nicht vor. Da habe ich schon einen ganz guten eigenen Filter eingebaut. Rotkäppchen ist die wahrscheinlich bekannteste ostdeutsche Marke, Ihr Unternehmen hat aber Standorte und Beschäftigte in Ost und West. Wie funktioniert diese Mischung? Sehr gut. Vielfalt und Unterschiedlichkeit als Gewinn zu sehen, gehört schon immer zu unseren Unternehmenswerten. Gleichzeitig ist es wichtig, die Individualität der einzelnen Standorte zu erhalten. Für viele Kolleginnen und Kollegen ist es beispielsweise ein besonderer Moment, wenn sie zum ersten Mal nach Freyburg kommen und dort den Ursprung von Rotkäppchen erleben. Und welche Rolle spielt Politik am Arbeitsplatz? Ich würde sagen: wenig. In Sachsen-Anhalt wird im September ein neuer Landtag gewählt. Wie blicken Sie als Chefin eines großen Arbeitgebers in Freyburg auf diese Wahl? Als Unternehmensvertreterin kann ich sagen: Stabilität ist auf Landes- genauso wie auf Bundesebene wichtig für eine gute Unternehmensführung. Ebenso wichtig ist ein gutes Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft – gerade in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten. Sie sind seit rund anderthalb Jahren bei Rotkäppchen-Mumm. Wie fällt Ihre persönliche Zwischenbilanz aus? Unsere Branche ist im Umbruch – und wir bei Rotkäppchen-Mumm sind im Aufbruch. Wir haben in kurzer Zeit eine neue Strategie entwickelt und wichtige Weichen für die Zukunft gestellt. Wo soll Rotkäppchen-Mumm in fünf Jahren stehen? Unser Ziel ist es, der führende Anbieter für Genussgetränke in Deutschland zu sein, sowohl mit Alkohol als auch ohne Alkohol. Also nicht mehr nur Deutschlands Sektmarktführer, sondern Marktführer für Genussgetränke insgesamt? Das ist doch eine schöne Ambition. Frau Wiesner, vielen Dank für das Gespräch.