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Katholische Kirche: Die Kirche und die AfD - „Wir positionieren uns dagegen“

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Auch die katholische Kirche hat eine Brandmauer gegenüber der AfD errichtet. Ändert sich da was angesichts des Erfolgs der Partei? Bischof Heiner Wilmer gibt eine sehr klare Antwort.

Seit Februar steht Heiner Wilmer an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht er über die Haltung der katholischen Kirche zur AfD und verrät, warum ihn die niederländische Tagebuchschreiberin Etty Hillesum (1914-1943) fasziniert.

Frage: Herr Bischof Wilmer, Sie galten immer als frommer und gebildeter Theologe und engagierter Seelsorger. Jetzt, in Ihrem neuen Amt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, stehen Sie im Fokus der Öffentlichkeit und müssen auch kontroverse Debatten durchstehen. Sind Sie hart genug für diesen Job?

Antwort: Letztlich müssen das andere beurteilen, aber ich will einmal so sagen: Ich halte mich an eine Grundregel des Heiligen Benedikt, die besagt: Alles, was man im Dialog erreichen kann, sollte man auf diesem Weg angehen. Das ist schon mein Ansatz. Das bedeutet nicht, dass man Everybody's Darling sein muss. Aber Führung heißt nicht, auf den Tisch zu hauen und „Basta“ zu rufen. Sondern Führung bedeutet, Menschen zu überzeugen. 

Frage: Aber können Sie die Menschen in dieser aufgeregten Zeit wirklich auf diesem leisen Weg erreichen? 

Antwort: Den Eindruck habe ich schon. Wir neigen ja mehr und mehr zu Hysterie. Aber das hilft nicht. Ich glaube schon, dass Vernunft, mit Herz verbunden, uns eine Gesellschaft bringt, die humaner ist.

Frage: Worauf führen Sie denn die Hysterie zurück, die Ihnen begegnet? 

Antwort: Ich glaube, dass wir uns in einem postsäkularen Kulturkampf befinden. Zugleich ist die Religion wieder zurück. Max Weber hat ja seinerzeit von der Entzauberung der Welt gesprochen - er meinte damit, dass die moderne Wissenschaft die Welt vollständig erklären kann und deshalb die Notwendigkeit für Religion entfällt. Heute sehen wir, dass das Gegenteil der Fall ist. Das Magische ist zurück. Emotionen sind zurück. 

Frage: Sie sagen, die Religion sei zurück. Auch die AfD betont, dass ihr die Kultur des christlichen Abendlands wichtig sei, auch das Christentum selbst, wobei sie die „Kirchensteuerkirchen“, wie sie die katholische und die evangelische Kirche nennt, ablehnt. 

Antwort: Ich halte das für sehr schwierig, weil es letztlich ein Bluff ist. Man kann natürlich über die katholische Kirche streiten. Aber Religion ohne die Institution Kirche ist letztlich kaum denkbar. Das gilt auch für andere Themenfelder: Bildung für Kinder und Jugendliche etwa ist auch ohne die Institution Schule kaum möglich. 

Frage: Ähnlich wie die Parteien haben auch die Kirchen eine Brandmauer gegenüber der AfD errichtet. Es gab die Empfehlung, die AfD nicht zu wählen. Können Sie diese Brandmauer aufrechterhalten oder müssen Sie jetzt den Dialog mit der AfD suchen?

Antwort: Natürlich müssen wir mit den Menschen reden, die AfD wählen. Das ist das eine. Gleichzeitig haben wir Treue gegenüber dem Evangelium gelobt und gegenüber der christlich-jüdischen Tradition. Und diese hat als zentrales Element, dass alle Menschen die gleiche Würde haben, unabhängig von ihrer Herkunft, sozialen Schicht, Gesundheit, Alter, Religion. Diese Grundhaltung ist für uns nicht verhandelbar. Und wir können uns auch nicht nur auf die eigene Gruppe, die eigene Nation oder dergleichen beschränken. Als Christen haben wir einen klaren Auftrag für die ganze Welt. Wir sind eine Menschheitsfamilie. Wir gehören alle zusammen. 

Frage: Wenn Ulrich Siegmund Sie zu seiner Amtseinführung als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt einladen würde, würden Sie hingehen?

Antwort: Das wäre nicht meine Aufgabe, das wäre die Aufgabe des Magdeburger Bischofs Gerhard Feige.

Frage: ... der seit langem massiv angefeindet wird.

Antwort: Ich habe großen Respekt für Bischof Feige. Er hat meine volle Unterstützung.

Frage: Können Sie auch praktisch etwas für ihn tun? Er bekommt Drohbriefe. 

Antwort: Wir sind mit ihm in ständigem Gespräch darüber und überlegen, wie wir ihn und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen können. Was die Drohbriefe betrifft: Die werden bewertet und gegebenenfalls auch an die Polizei weitergegeben. 

Frage: Wie ist das Stimmungsbild in der Deutschen Bischofskonferenz, was den Umgang mit der AfD betrifft? Sehen das alle Ihre Mitbrüder ähnlich? Für die C-Partei CDU besitzt diese Debatte derzeit enorme Sprengkraft.

Antwort: Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2024 die Erklärung „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“ veröffentlicht. Diese Erklärung ist einstimmig angenommen worden, auch ohne Enthaltungen, und das von der Vollversammlung der Bischöfe - das sind mehr als 60 Mitbrüder. Wenn es um die Würde eines jeden Menschen geht - und das schließt insbesondere Menschen mit Flüchtlingserfahrungen oder einer anderen Herkunft selbstverständlich ein -, halten wir zusammen.

Frage: Was würde eine AfD-Landesregierung für die Kirchen in Sachsen-Anhalt bedeuten? Die Partei will ja unter anderem den Kirchensteuereinzug beenden und auch das Kirchenasyl nicht mehr dulden. 

Antwort: Ich halte konkrete Maßnahmen durchaus für möglich. Ich bin da nicht naiv. Wovon ich ausgehe, ist, dass es zu sehr grundsätzlichen Auseinandersetzungen kommen wird. Die AfD stellt die Grundwerte unseres Zusammenlebens infrage. Die AfD möchte ein anderes Deutschland im Blick auf unsere Grundwerte und auf unsere Demokratie. Das ist mit uns nicht nur nicht zu machen, sondern da positionieren wir uns klar dagegen und stellen dem Menschenwürde, Nächstenliebe und Demokratie entgegen.

Frage: Sie haben über die Renaissance der Religionen gesprochen. Eine große Bedeutung in Deutschland gewinnt der Islam. Da gibt es bei vielen die Befürchtung, dass er an die Stelle der christlich-jüdischen Tradition treten könnte. 

Antwort: Ich glaube, dass wir hier mehr Gesprächsformate brauchen, Formate, mit dem Ziel, ein gutes Zusammenleben in Deutschland zu ermöglichen.

Frage: Interreligiöse Gesprächsformate?

Antwort: Ja, es müsste darum gehen, den gegenseitigen Respekt zu stärken. Das wäre zum Beispiel auch wichtig, weil der Antisemitismus bei uns ja stark auf dem Vormarsch ist, was ich erschütternd finde. Antisemitismus ist Sünde! Traditionell hatten wir in Deutschland das Christentum und das Judentum, aber wir werden eben den Scheinwerfer weiten müssen auf den Islam und auf die muslimischen Gruppen in Deutschland. Die Blickrichtung muss sein: Wie geht gemeinsame Verantwortung für das Land, in dem wir zusammenleben?

Frage: Sie gelten als Experte für die niederländische Tagebuchautorin Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Sie haben sogar ein Buch über sie geschrieben. Was fasziniert Sie so an dieser Persönlichkeit? 

Antwort: Wir kennen alle Anne Frank, aber Etty Hillesum war lange überhaupt nicht bekannt. Ihre Tagebücher wurden erst Anfang der 1980er Jahre erstmals veröffentlicht. Anders als Anne Frank schrieb Etty Hillesum ihre Tagebücher und Briefe als erwachsene Frau. Was mich an ihr fasziniert: Sie stammte zwar aus einer jüdischen Familie, hatte mit dem Glauben aber abgeschlossen. Religion spielte keine Rolle mehr für sie, null. Aber dann hat sie den nach Amsterdam geflohenen Psychoanalytiker Julius Spier kennengelernt und hat über die Gespräche mit ihm neu zum Glauben gefunden. Sie lebte ihr Leben hoch verbindlich. Und bei aller Bedrohung durch die Nazis in den besetzten Niederlanden kommt von ihr doch immer wieder der Satz: „Wie groß und wie schön ist doch das Leben.“

Frage: Sie scheint frei von Hass gewesen zu sein, selbst von Hass auf die Nazis, die sie in die Gaskammer geschickt haben.

Antwort: Ja, genau. Ganz am Anfang sind solche Gefühle in ihrem Tagebuch schon noch da, aber über Spier findet sie zu der Haltung: Wer andere hasst, wird selbst durch den Hass umkommen. Der Hass ist wie eine Fessel um mein Herz, die mich erwürgt. Ich habe nur dann eine Chance, wenn es mir gelingt, mich von Hass zu befreien. Und wenn ich grundsätzlich in jedem Menschen auch das Gute sehe. 

ZUR PERSON: Heiner Wilmer (65), geboren 1961 im Emsland, wuchs auf einem Bauernhof auf. Er studierte Theologie und Romanistik und wurde 1987 zum Priester geweiht. Er gehört der Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Priester an. Wilmer arbeitete als Seelsorger und Lehrer, unter anderem auch an einer Schule im New Yorker Stadtteil Bronx. 2018 wurde er zum Bischof von Hildesheim ernannt. Am 24. Februar dieses Jahres wurde er als Nachfolger von Georg Bätzing zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Im März ernannte ihn Papst Leo XIV. zum Bischof von Münster. Damit steht er nun an der Spitze des mitgliederstärksten katholischen Bistums in Deutschland.







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