Bei Maybrit Illner geht es um die CDU- und Kanzler-Krise, um Kommunikation und Glaubwürdigkeit – und Boris Palmer gibt Tipps gegen "Staatsverdruss". Ganz leicht hatte Maybrit Illner die Überschrift ihrer Sendung vom Donnerstagabend noch modifiziert: von "Kanzlerdämmerung – findet Merz den Weg aus der Krise?" hin zu "Viele Krisen, wenig Rückhalt – kriegt der Kanzler noch die Kurve?". Womöglich war die Abschwächung der am Mittwoch veröffentlichten Solidaritätsadresse der CDU-Ministerpräsidenten geschuldet. Ob Friedrich Merz nur bleiben müsse, weil niemand anderes seinen Job machen wolle, lautete dennoch ihre Einstiegsfrage an Franziska Hoppermann . Gäste: Franziska Hoppermann (CDU), Generalsekretärin Boris Palmer (parteilos), OB von Tübingen (zugeschaltet) Elisa Hoven, Strafrechtsprofessorin Fabian Grischkat, Autor und Moderator Gordon Repinski, Journalist ("Politico Deutschland") Natürlich verneinte die neue Generalsekretärin der Christdemokraten und sah in der Erklärung ein Zeichen für "Geschlossenheit und Stabilität". Weniger positiv beurteilte Gordon Repinski die Lage. Der Kanzler müsse hoffen, dass die Ergebnisse der kommenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin für seine Partei "nicht so brutal" ausfallen, glaubte der Springer-Journalist: "Der Beruhigungsbrief hält genau bis Sonntag und keinen Tag länger." Fiele die CDU mit weniger als fünf Prozent aus dem Schweriner Landtag, so seine Prognose, werde die Debatte um Merz wieder aufbrechen. Franziska Hoppermann will keine Personaldebatten Während Hoppermann sich gegen Personaldebatten aussprach, die die Partei "nicht nach vorn" brächten, vertrat Elisa Hoven die Meinung, dass sich Personen und Sachfragen nicht so einfach trennen ließen. Gerade in unsicheren Zeiten sei es wichtig zu wissen: "Wer ist unser Kapitän?" Auf Illners Nachfrage, wie Merz verlorenes Vertrauen zurückgewinnen könne, empfahl sie, der Regierungschef solle den "Anflug von Demut", den er nach der Wahl in Sachsen-Anhalt gezeigt habe, beibehalten. Dass "im postfaktischen Zeitalter" der Fokus immer mehr auf den Personen liege, fand auch der Podcaster Fabian Grischkat. Er empfahl dem Kanzler, an seiner Kommunikation zu arbeiten. Nach einem Wahlergebnis wie dem der CDU in Sachsen-Anhalt könne man sich auch mal vor die Presse stellen und statt der üblichen Floskeln sagen: "Das ist scheiße gelaufen." Die Auffassung, dass es "keine bessere Lösung gibt, als sich den Sachfragen zuzuwenden", vertrat der zugeschaltete Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Es sei notwendig, dass die geplanten Reformen "jetzt erst recht umgesetzt und nicht in Frage gestellt werden". Er als Rathauschef sorge sich um die Wirtschaft und die Finanzen der Kommunen. "Vielleicht ist es auch gut, mal zu sagen, dass der Kanzler etwas Gutes getan hat", steuerte er sogar ein Lob für Merz bei: "Dass wir 50 Millionen Euro vom Bund für Investitionen bekommen haben durch die Lockerung der Schuldenbremse , ist tatsächlich für uns die Rettung gewesen, um marode Brücken und kaputte Schulen und Turnhallen reparieren zu können, das war eine richtige Entscheidung." Illner thematisiert Manuela Schwesigs Aufholjagd Nachdem sie die aktuellen Projektionen für die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin eingeblendet hatte, wollte die Moderatorin auf die Aufholjagd der SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig zu sprechen kommen. Kritik an deren Wahlkampf übte Franziska Hoppermann: Schwesig führe ihn "auf Kosten der Glaubwürdigkeit der eigenen Partei" und distanziere sich von gemeinsam gefassten Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz und der SPD-Linie auf Bundesebene. Zudem gehe ihre Zuspitzung "zulasten der anderen Parteien der Mitte". Es sei doch klar, "dass Frau Schwesig im Wahlkampf keine Rücksicht auf die CDU nimmt", fand dagegen Juristin Elisa Hoven. Gordon Repinskis Analyse hingegen lautete, das "strategische Problem der CDU" in Mecklenburg-Vorpommern sei, dass sie nicht gebraucht werde, um eine Politik aus der Mitte machen zu können. "Die Linke ist für uns aber keine Partei der Mitte", entgegnete Hoppermann. Mit der Frage, ob der Entschluss des Kanzlers, "plötzlich doch" die Spritpreise zu senken, der Einsicht geschuldet sei, dass diese Teuerung die Menschen wirklich umtreibe, wandte sich Illner daraufhin an Boris Palmer. Als langjährigem Grünen gefalle ihm die Idee erst mal nicht, antwortete der Oberbürgermeister, er sehe aber ein, dass es "möglicherweise ein Limit gibt für erträgliche Preise, wo man dann tatsächlich abmildernde Maßnahmen machen muss". Er halte es für gut, wenn "vor allem Leute diese Zuschüsse bekommen, die sie auch brauchen". Wie genau die Maßnahmen aussehen werden, vermochte Franziska Hoppermann noch nicht zu sagen, deutete aber an, dass es eine Mehrwertsteuersenkung Anfang Oktober sein könnte. "Eine Ankündigungsfalle" erkannte darin der Journalist Gordon Repinski und erwartete eine Maßnahme, die "so ähnlich aussieht wie der Tankrabatt". Boris Palmer nennt Rezept gegen Staatsverdruss Also ein neuerliches Beispiel für missglückte Kommunikation, die letztlich nur Politikverdrossenheit fördert? Er glaube nicht, dass es so sehr ums Erklären gehe, sagte dazu Boris Palmer, "das unterstellt ja auch immer, dass die Leute schwer von Begriff sind". Stattdessen nannte er drei Faktoren, die seiner Meinung nach den wachsenden "Staatsverdruss" befördert hätten: Erstens die AfD , die großes Interesse daran habe, "alle Politiker als unfähig, elitär und abgehoben darzustellen". Zweitens, dass der Staat häufig als "übergriffig und dysfunktional" erlebt werde. Und drittens habe die Politik seit Jahren immer mehr versucht, "Leute zu belehren, dass man Dinge nicht mehr sagen soll oder auch nicht meinen darf". Das richtige Rezept dagegen – das auch Cem Özdemir zum Wahlerfolg in Baden-Württemberg verholfen habe – sei, "die korrekte Beschreibung der Wirklichkeit" wichtiger zu nehmen als das Parteibuch, und dialogfähig zu bleiben.