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Lula gegen Bolsonaro: Was Brasiliens Wahl für Deutschland bedeutet

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Brasilien wählt – und die Welt schaut hin. Bei der Abstimmung geht es um weit mehr als das Duell zwischen Lula und Flávio Bolsonaro. Am Sonntag entscheidet Brasilien nicht nur über seinen nächsten Präsidenten. Während sich die Aufmerksamkeit auf das Duell zwischen Lula und Flávio Bolsonaro richtet, werden gleichzeitig Parlament, Senat und Gouverneure neu gewählt. Die Folgen reichen weit über Lateinamerika hinaus – für Handel, Klima, Sicherheit und Europas Beziehungen zu einer der wichtigsten Demokratien des Globalen Südens. Wer die brasilianische Wahl aus Deutschland verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, die Zukunft des Landes entscheide sich allein zwischen zwei Namen: Lula oder Bolsonaro. Tatsächlich steht weit mehr zur Wahl. Die Brasilianer bestimmen neben ihrem Präsidenten alle 513 Mitglieder der Abgeordnetenkammer, 54 der 81 Senatoren, die Gouverneure und die Landesparlamente. Damit wird ein großer Teil der politischen Machtstruktur neu zusammengesetzt. Erreicht kein Präsidentschaftskandidat die absolute Mehrheit, folgt Ende Oktober die Stichwahl. Nach jüngsten Umfragen gilt dieses Szenario als wahrscheinlich. Sohn des Ex-Präsidenten strebt an die Macht: "Hier fließt Bolsonaro-Blut" Ein Land zwischen zwei Lagern Brasilien erlebt eine der polarisiertesten Wahlen seiner jüngeren Geschichte. Bemerkenswert ist die hohe Ablehnung beider führenden Kandidaten. Viele Brasilianer stimmen nicht nur für einen Kandidaten, sondern vor allem gegen den jeweils anderen. Politische Zugehörigkeit definiert sich zunehmend darüber, wen man verhindern möchte. Die Polarisierung der vergangenen Jahre hat sich verfestigt. Wer auch immer gewinnt, wird ein Land regieren müssen, in dem ihm ein erheblicher Teil der Bevölkerung bereits bei Amtsantritt ablehnend gegenübersteht. Die Herausforderung wird deshalb nicht nur darin bestehen, Wahlen zu gewinnen, sondern politische Gräben zu überwinden. Der Präsident regiert nicht allein In Europa wird häufig unterschätzt, wie abhängig Brasiliens Präsident von parlamentarischen Mehrheiten ist. Eine Schlüsselrolle spielt das sogenannte Centrão, ein breites Netzwerk überwiegend konservativer und zentristischer Parteien. Es ist weniger ein ideologisch geschlossenes Lager als ein pragmatisches Machtzentrum. Ohne dessen Unterstützung lassen sich im Kongress kaum stabile Mehrheiten organisieren. Lula hat mehrfach bewiesen, dass er Bündnisse über ideologische Grenzen hinweg schmieden kann. Auch während seiner aktuellen Amtszeit gelang es ihm, trotz eines überwiegend konservativen Kongresses eine breite Regierungskoalition zusammenzuhalten. Bei Flávio Bolsonaro ist die Lage weniger eindeutig. Der Senator gilt als parlamentarisch erfahrener, strategischer und moderater im Auftreten als sein Vater. Ob er ähnlich erfolgreich Mehrheiten organisieren könnte, bleibt offen. Deshalb entscheidet sich am Sonntag nicht nur, wer Präsident wird, sondern auch, welche Mehrheiten die kommenden Jahre prägen. Eine Demokratie unter Spannung Die Wahl findet in einem Klima institutioneller Spannungen statt. Seit Jahren wird über die Rolle des Obersten Gerichtshofs, Korruptionsbekämpfung und die Grenzen richterlicher Macht gestritten. Zuletzt sorgte der Banco-Master-Komplex für Schlagzeilen. Die Affäre wirft Fragen über politische Netzwerke, wirtschaftliche Interessen und das Vertrauen in staatliche Institutionen auf. Die hohe Ablehnung beider Hauptkandidaten ist deshalb mehr als ein Wahlkampfphänomen. Sie ist auch Ausdruck eines großen Misstrauens gegenüber Politik und Institutionen – und damit eine Herausforderung für die brasilianische Demokratie. Die Bundesstaaten könnten den Unterschied machen Mindestens ebenso wichtig sind die Gouverneurswahlen und die Mehrheiten in den Bundesstaaten. Umfragen deuten darauf hin, dass konservative und mitte-rechts orientierte Kräfte ihre starke Stellung behaupten könnten. Auch einzelne traditionelle Hochburgen der Linken im Nordosten sind bei den Gouverneurswahlen umkämpft. Sollte sich dieser Trend bestätigen, könnte Brasilien künftig einen konservativ geprägten Kongress und zahlreiche konservative Gouverneure haben – unabhängig davon, wer Präsident wird. Darin könnte eine der wichtigsten Entwicklungen dieser Wahl liegen. Gouverneure verfügen in Brasiliens föderalem System über erheblichen Einfluss und bilden wichtige Machtzentren der nationalen Politik. Warum die Wahl Deutschland betrifft Für Deutschland und Europa ist dies keine ferne innenpolitische Auseinandersetzung. Brasilien ist die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas, Mitglied von G20 und BRICS und ein zentraler Partner bei Handel, Klima, Energie und Rohstoffen. Zugleich gewinnt das Land in einer multipolaren Welt geopolitisch an Bedeutung. Ein weiterer Wahlsieg Lulas würde außenpolitisch vor allem Kontinuität bedeuten. Seine Positionen zu Multilateralismus, Klimapolitik und zur Rolle des Globalen Südens sind bekannt. Gleichzeitig verfolgt Brasilien einen eigenständigen Kurs, der nicht immer mit europäischen Positionen übereinstimmt. Eine Präsidentschaft Flávio Bolsonaros wäre schwerer einzuschätzen. Eine stärkere Annäherung an konservative Kräfte in den USA erscheint möglich. Welche Folgen dies für Europa hätte, bleibt offen. Berlin und Brüssel müssen sich deshalb auf beide Szenarien einstellen und Brasilien unabhängig vom Wahlausgang als strategischen Partner ernst nehmen. Der Sonntag ist erst der Anfang Möglicherweise fällt am Sonntag noch keine Entscheidung über das Präsidentenamt. Klarer wird jedoch sein, welche Kräfte den Kongress dominieren und wie sich die Machtverhältnisse in den Bundesstaaten entwickeln. Die entscheidende Frage reicht deshalb über Lula und Bolsonaro hinaus: Findet Brasilien nach Jahren extremer Polarisierung wieder mehr Raum für politischen Ausgleich oder wird die gegenseitige Ablehnung zum dauerhaften Merkmal seiner Politik? Für Deutschland und Europa lohnt es sich, nicht nur darauf zu schauen, wer gewinnt. Entscheidend wird sein, welches Brasilien aus dieser Wahl hervorgeht – und welchen Platz die größte Demokratie Lateinamerikas künftig auf der internationalen Bühne einnehmen wird. Hinweis der Redaktion: Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinungen der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.






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